Spuren im Schnee

von | 11. Januar 2022

„Lass uns ein Stück spazieren gehen.“

Es war früher Nachmittag. Die Wintersonne sorgte für ein zauberhaftes Glitzern auf der schneebedeckten Landschaft. Es war klirrend kalt geworden und der Schnee, der in den letzten Tagen gefallen war, verwandelte die Welt in ein weißes Zauberland.

„Komm schon.“ Stefan hatte es sich auf die Couch bequem gefläzt , um die Nachwehen der Feiertage zu verschlafen, doch da hatte er die Rechnung ohne seine Freundin gemacht. Jule hielt nicht viel von Ausruhen und faulenzen. Sie wollte raus, den Winterzauber in sich aufsaugen. Träge quälte Stefan sich hoch. Es sah schon schön aus da draußen und vermutlich konnte nach den Fressorgien der vergangenen Woche ein Spaziergang nicht schaden. Sie hatte ja recht, auch wenn er das ungern zugab.

Warm eingepackt verließen sie die geheizte Wohnung. Die klare Kälte zwickte im Gesicht, aber es war trotzdem wunderbar. Hier, im Oberland, waren die letzten Winter eher mild ausgefallen. Das kannten sie aus ihrer Kindheit anders, da waren 20 Zentimeter Neuschnee über Nacht und wochenlang Minusgrade keine Seltenheit.

Sie machten sich auf den Weg in Richtung Steinbruch. Diese Strecke waren sie früher oft mit den Eltern gegangen, um mitten im Wald einen Weihnachtsbaum für die Tiere mit Äpfeln und Möhren zu schmücken.

Im Sommer lud diese Stelle zum Baden ein, auch wenn das nicht erwünscht war. Der Dorfjugend war das aber egal, obwohl schon einige Unfälle passiert waren.

„Schau mal, wir sind nicht die einzigen, die heute hier unterwegs sind.“ Jule zeigte auf den schneegepuderten Waldboden. Zwei Spuren von großen Stiefeln wiesen ebenfalls in den Wald hinein. Spaßeshalber stellte Jule sich in die größeren der beiden Abdrücke. „Die sind ja riesig, der hat mindestens Schuhgröße 46.“ Mit ihren winzigen Füßchen konnte sie sich fast in der Stiefelspur umdrehen. Sie beugte sich herunter, um eine Schuhgröße erkennen zu können, doch das gelang ihr leider nicht.

Stefan amüsierte sich über seine Freundin. An solchen Kleinigkeiten erfreute sie sich, wie ein kleines Kind an Weihnachten. Jule lief ihm voraus und drängelte ihn, endlich hinterherzukommen. Hinter einer Wegbiegung wartete sie auf ihn. Als er um die Ecke bog, schnipste sie einen Ast in seine Richtung und er bekam eine beachtliche Ladung Schnee ins Gesicht. Er prustete, war aber nicht sauer. Schließlich kannte er es nicht anders. Stefan entledigte sich seiner Handschuhe, zückte sein Taschentuch, um sich die Tropfen geschmolzenen Schnees wegzuwischen. Jule feixte immer noch über ihren Scherz, während Stefan sich den Schnee aus den Kragen puhlte.

Ein Mann mit hochgeschlagenem Revers, den Schal halb ums Gesicht gewickelt und die Mütze tief in die Stirn gezogen, kam Ihnen entgegen.

„Frohes neues Jahr“, rief Jule ihm übermütig zu. Er nickte nur zurück und stapfte seines Weges.

Nachdem sie ein paar Meter gegangen waren, fiel Stefan auf, dass ihm einer der Fäustlinge abhandengekommen war.

„Warte, ich seh ihn.“ Jule flitzte, so gut es der der Schnee zuließ zurück ,um den Handschuh aufzuheben. Sie hielt kurz inne und stutzte.

„Was ist denn los?“, rief Stefan ihr ungeduldig zu.

„Das ist ja seltsam, der Mann eben, der hat auch so große Füße.“ Jule blickte in die Richtung, in die der Fremde eben gegangen war, aber der war schon aus ihrem Blickfeld verschwunden. „Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich meinen, das sind genau dieselben Abdrücke.“

„Na ist doch klar“, erwiderte Stefan schon ein bisschen genervt, „wenn er hingegangen ist, muss er auch wieder zurück kommen.“

„Und wo ist der andere? In die Richtung waren es zwei Spuren.“

„Vielleicht ist er in Richtung Straße weitergegangen und er eben hier zurück.“

Jule hätte sich gern mit der Antwort zufriedengegeben, aber ihre Fantasie überschlug sich.

„Was, wenn er wirklich nur allein zurückgekommen ist, wenn er den anderen umgebracht hat.“

Stefan zeigte mit der Hand an die Stirn. „Du spinnst ja, solltest vielleicht weniger Krimis gucken.“ Jule musste zugeben, dass sie möglicherweise etwas übertrieben hatte.

„Schau mal, da hat jemand einen Weihnachtsbaum für die Tiere hergerichtet. Jule bog vom Weg ab, um nachzusehen, ob schon ein Waldbewohner genascht hatten. Stefan lief ihr hinterher. Die Schneeladung im Kragen hatte unbequeme Folgen. Der getaute Schnee war ihm bis unters Hemd gelaufen und das feuchte Unterhemd fühlte sich unangenehm auf der Haut an.

„Lass uns gleich da zurück gehen, ich muss mich erstmal trockenlegen.“

Auch Jule brizzelte die kalte Luft im Gesicht und sie zeigte sich einverstanden umzukehren. Insgeheim freute sie sich schon auf einen Glühwein vorm Kamin. Den alten Mann hatten sie bereits vergessen.

Einige Tage später las Stefan am Abend online die Regionalnachrichten und schaute verwundert von seinem Tablet auf. „Hattest du mitbekommen, dass der alte Köhler seit Neujahr vermisst wurde. Jetzt wurde seine Leiche im Steinbruch gefunden.“

Jule blickte von ihrer Zeitschrift hoch. „Nee. Hab ich nicht gehört.“ Gewöhnlich verbreiteten sich im Dorf solche Nachrichten schnell, aber da beide auswärts arbeiteten, bekamen sie den Dorfklatsch nur am Rande mit. „Mein Opa hat früher mit dem gearbeitet und gemeint, dass er schon damals dem Alkohol nicht abgeneigt war. Wer weiß, vielleicht ist er im Suff im Dunkeln in den Steinbruch gefallen?“ Jule wollte sich gerade wieder ihrer Illustrierten zuwenden, als Stefan ihr den Artikel unter die Nase hielt:

„Die Polizei sucht nach Zeugen. Fritz Köhler wurde zuletzt am Neujahrstag gegen 12 Uhr in Begleitung einer dunkel gekleideten Person gesehen. Ein Verbrechen ist nicht ausgeschlossen. Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.“

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