Maskenball – Teil 1

von | 15. Februar 2022

Maskenball

Teil 1

 

Wie in jedem Jahr hatte die Bürgermeisterin ihrer Heimatstadt zum Bürgermeisterball geladen. Allein mochte Kathi nicht gehen. Und so tat Ella ihr eben den Gefallen.

Bei einer Flasche Sekt schlüpften die Frauen in ihre Verkleidung. Während aus Kathi mit Make up und einem aufwendigen Kostüm der verrückte Hutmacher aus Alice im Wunderland wurde, wählte sich Ella aus Kathis Fundus ein Nonnengewand. Entgegen ihrer Art wollte sie bei dieser Veranstaltung nicht über Gebühr auffallen.

Wie sie am Rathaus ankamen, waren dort schon reichlich Gäste versammelt. Die Bürgermeisterin – ein Faschingsfan vor dem Herrn und sich für keinen Spaß zu schade – stand als Sumo-Ringer vorm Eingang. Ella warf Kathi einen fragenden Blick zu. Die zuckte nur grinsend mit den Schultern und lief schnurstracks auf den Sumo zu.

„Bettina, du hast dich mal wieder selbst übertroffen. Was ist das?“ Kathi stupste Bettina Rößler an den runden Sumo-Bauch.

Die Bürgermeisterin kicherte. „Alles heiße Luft.“ Sie lüftete kurz den Gürtel und ein Ventil kam zum Vorschein. „Ich dachte, ich komme heute meinem Ruf, aufgeblasen zu sein, mal nach. Die Bars sind wie immer im Foyer und wenn ich euch einen Tipp geben darf, geht mal nach oben, da gibt es Häppchen und zudem eine tolle Sonderausstellung mit Bildern eines ortansässigen Künstlers. Fred Richter. Tolle Werke!“

„Danke für den Tipp und bis später.“ Kathi schlug der Sumo-Bürgermeisterin freundschaftlich auf die Schulter, Ella legte die Hände zusammen und nickte ihr zu. Dann betraten sie das Rathaus, in dem die Party in vollem Gange war.

Kathi und Ella bestellten sich an der Bar zwei Gläser Sekt und drängten sich durch die feiernde Menge bis zum Treppenaufgang. In der oberen Etage war es deutlich ruhiger. Zwar hörte man leise die Partymusik aus dem Foyer, aber hier konnte man sich wenigstens unterhalten.

Die Ausstellung trug den Namen „Heimat und Stadt“ und zeigte vorwiegend lokale Sehenswürdigkeiten. Die geschickte Farbgebung der Bilder ließ diese in einem besonderen Licht erstrahlen. Kathi, die meisten Motive erkannte, erklärte die ihrer Freundin. Eine Ausnahme aus der Reihe befand sich direkt neben der Tür der Bürgermeisterin. Das Gemälde zeigte ein kleines Mädchen, welches am Rand des Stadtbrunnens saß und lächelnd eine Hand unter das fließende Wasser hielt.

Lange betrachteten die Freundinnen das Bild, bis Ella die scheinbar passenden Worte fand. „Das Bild ist großartig, aber fällt dir was auf?“

„Es ist viel kleiner, als die anderen.“ Während die beiden über Pinselführung und Farbverläufe fachsimpelten, bemerkten sie nicht, dass sich ihnen ein älterer Herr angeschlossen hatte.

„Ein frühes Werk.“

Verdutzt drehten die beiden sich um, um herauszufinden, wer da sprach.

„Verzeihung, ich wollte Sie nicht belauschen, aber ich fand ihre Interpretation so zauberhaft. Das ist ein früheres Werk des Künstlers“, referierte der Herr, der aussah wie ein gealterter Salvador Dali, „es hängt hier auf besonderen Wunsch der Bürgermeisterin, obwohl es eigentlich nicht zur Reihe gehört.“

„Das erklärt einiges“, räumte Kathi ein, „Sie kennen sich in der lokalen Kunstszene aus oder kennen Sie den Künstler persönlich?“

„Nun“, erwiderte der Herr, „genaugenommen beides. Ich möchte Sie nicht hinters Licht führen, es ist eines meiner frühen Werke. Gestatten, mein Name ist Fred Richter.“ Er schüttelte den Frauen die Hand.

„Sehr erfreut.“

„Herr Richter.“ Ein englischer Gentleman gesellte sich zu ihnen. „Wie ich Ihre Werke bewundere. Aber dieses hier ist wirklich besonders.“

„Aber auch an Sie verkaufe ich es nicht. Allein, dass es hier hängt, bereitet mir Bauchschmerzen.“

Die Frauen verabschiedeten sich und beschlossen, etwas zu tanzen. Im Treppenhaus kam ihnen die Bürgermeisterin entgegen und sie hatten Mühe, aneinander vorbeizukommen.

Nachdem Sie eine Viertelstunde ausgelassen getanzt hatten, fiel Kathi auf, dass sie ihren Hutmacherhut nicht mehr hatte. Erschrocken schaute sie sich um. Dann schlug sie sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Der liegt bestimmt noch oben. Es war so heiß mit Perücke und Hut, da hab ich ihn abgesetzt. Ich hol ihn fix, besorgst du uns noch was zu trinken?“, rief sie Ella zu, um die Musik zu übertönen. Die nickte. Schnellen Schrittes eilte Kathi die Treppe hinauf. Hier oben war es voller geworden. Zum Glück erinnerte sie sich an die Stelle, wo sie den Hut abgelegt hatte. Gerade wollte sie wieder gehen, als Sie bemerkte, dass die Tür des Bürgermeisterbüros offenstand. Vorsichtig steckte sie den Kopf hinein.

„Hallo. Ist hier jemand?“

„Äh, hallo. Ja. Ich. … Moment bitte.“

Die Stimme gehörte zu Bettina Rößler.

„Alles in Ordnung bei dir.“

„Ja, ja, alles gut.“ Die Bürgermeisterin lunschte vorsichtig um die Ecke. „Hast du eine Vorstellung, wie schwierig es ist, hiermit auf Klo zu gehen?“, lachte sie verlegen, „ich muss mich nur wieder vollständig aufblasen. Ich komme gleich.“ Kathi hörte das Summen eines Kompressors.

„Brauchst du Hilfe?“

„Nein, nein, das geht schon. Du kannst ruhig wieder feiern gehen, ich komm zurecht.“

„Na schön. Und du kommst wirklich klar.“

„Na klar. Viel Spaß dir noch.“

Kathi hatte das unbestimmte Gefühl, dass Bettina Rößler diese Situation sehr unangenehm war. Aber warum ließ sie dann die Tür offenstehen.

Am Treppenaufgang wartete Ella mit zwei vollen Gläsern in den Händen und sie beschlossen, wo sie schon hier waren, nochmal von den Häppchen zu kosten.

Bettina war inzwischen wieder aufgepumpt und kam gerade aus ihrem Büro. Als sie die Tür hinter sich schloss, stieß Ella Kathi an. „Das Bild! Guck mal, das Bild ist weg.“

 

*Bilder von pixabay

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