Maskenball – Teil 2

von | 20. März 2022

Maskenball

Teil 2

 

Bevor sie überlegen konnten, was nun die beste Vorgehensweise wäre, war Fred Richter ein Aufschrei des Entsetzens entfahren.

„Wo ist das Bild, das Mädchen am Brunnen?“ Er ging straffen Schrittes auf die Bürgermeisterin zu und fing an auf sie einzureden.

Kathi und Ella bemerkten, wie die immer blasser wurde, und beschlossen einzuschreiten.

„Ich nehm Bettina, du den Maler“, rief Kathi Ella im Gehen zu. Inzwischen hatte sich eine Menschentraube um den Ort des Geschehens gebildet und die beiden Freundinnen hatten Mühe, sich hindurchzudrängen. Während Kathi Bettina Rößler in deren Büro zog, bat Ella Fred Richter darum, sich zu beruhigen. „Was war denn so Besonderes an dem Bild.“

„Es war aus meiner Privatsammlung, ich hätte es nie hergeben dürfen. Diese Person“, er wies mit dem Finger auf die geschlossene Tür des Bürgermeisterzimmers, „diese Person hat mich quasi genötigt, es hier aufzuhängen.“

„Woher kannte Frau Rößler denn das Bild?“

„Sie hatte es in einer meiner früheren Ausstellungen gesehen und wollte es kaufen, aber das Bild ist unverkäuflich.“

„Entschuldigung, Herr Richter?“ Eine junge Frau im Rotkäppchenkostüm gesellte sich zu ihnen, „Die Polizei ist jetzt da und möchte Sie sprechen.“

„Ja, keiner verlässt das Gebäude, bis das Bild wieder aufgetaucht ist.“

„Das entscheiden immer noch wir.“ Ein älterer Polizist stellte sich ihnen mit „Freiland, Kriminalpolizei“ vor und wies den erregten Maler darauf hin, dass die Daten der Gäste erfasst und die Taschen kontrolliert würden. Dann dürfe jeder nach Hause gehen.

Richter zeigte sich wenig einverstanden mit der Weisung, hatte aber keine Wahl.

Inzwischen waren Kathi und eine völlig aufgelöste Bettina Rößler zu ihnen gestoßen.

„Hallo Heinz“, grüßte die den Polizisten. „Wäre es in Ordnung, wenn ich schnell nach Hause geh und mich umzieh, in 10 Minuten bin ich wieder da. Ich möchte wenigstens für die Presse seriös aussehen.“

„Versteh ich.“ Er ließ sie gehen und nur mit dem Schlüsselbund in der Hand verschwand Bettina Rößler. Als sie, wie versprochen, kurz darauf wieder im Rathaus erschien, hatte sich der Tumult gelegt. Die Polizei vernahm ein paar Gäste und das Personal, die sich zum vermeintlichen Tatzeitpunkt im oberen Flur aufgehalten hatten, aber niemand hatte etwas Relevantes gesehen. Einige bestätigten, dass Frau Rößler in ihr Büro gegangen war. Dass die Tür offen stand, hielt keiner der Befragten für besonders erwähnenswert, da Frau Rößler öfter einmal bei geöffneter Tür arbeitete, um „näher dran“ zu sein, wie sie gern betonte.

Ella hielt sich zurück. Sie gab zu Protokoll, dass ihr das Fehlen des Bildes aufgefallen war, als Frau Rößler die Tür schloss. Kathi ergänzte, dass sie kurz zuvor mit der Bürgermeisterin gesprochen hatte, aber nicht bemerkt hatte, dass das Bild fehlte.

Nachdem die Vernehmung beendet war, resümierte Kathi: „Dann muss das Bild ja in den paar Minuten gestohlen worden sein, als die Tür offen stand. Aber wer marschiert hier unbemerkt mit einem Bild unterm Arm raus.“

„Nicht unterm Arm!“ unterbrach Ella, „derjenige hat sich sein Kostüm zunutze gemacht!“ Und plötzlich tauchten vor ihrem inneren Auge all diejenigen auf, deren Kostüme zum Diebstahl eines Bildes einluden. „Der englische Gentleman mit der Aktentasche!“, platzte sie heraus.

„Oder der Ritter mit dem Schild, und quasi jeder mit einer Tasche, ausgestopftem Bauch oder Umhang“, ergänzte Kathi nüchtern, „es muss jemand gewesen sein, der wusste, dass Bettina die Tür offenstehen lässt, wenn Sie das Büro betritt.“

„Zugegeben, das Bild war hübsch. Aber warum sollte jemand gerade das stehlen wollen?“

„Vielleicht, weil Richter es partout nicht verkaufen wollte. Da hat der Interessent sich eben selbst bedient.“

„Der kommt mir gerade recht.“ Ella sprang auf und lief auf Fred Richter zu, der soeben aus dem Büro von Bettina Rößler kam.

„Herr Richter, entschuldigen Sie bitte. Ich wüsste gern, warum Sie das Bild nicht verkaufen wollten.“

„Das geht sie gar nichts an.“

„Ich verstehe.“ Ella überlegte kurz. „Ich versuche nur die Motivation aller Beteiligten zu verstehen. So auch Ihre und warum Sie das Bild nicht verkaufen wollen.“

Richter sinnierte einen Moment, gab sich dann aber einen Ruck. „Dieses Bild hat einen sentimentalen Wert für mich. Es zeigt ein kleines Mädchen aus unserer Nachbarschaft vor … ach … fast fünfzig Jahren. Ich hatte selbst nie Kinder und hatte die Eltern gefragt, ob ich sie malen darf. Bevor das Bild fertig war, gab es einen schrecklichen Unfall. Das kleine Mädchen ertrank im Löschteich. Daraufhin ist die Familie umgezogen und so konnte ich das Bild nie übergeben. Es hat also quasi schon eine Besitzerin.“ Er zuckte mit den Schultern und Ella verstand, warum ihm das Bild so viel wert war.

Mit diesen neuen Erkenntnissen kehrte sie zu Kathi zurück, die gedankenversunken auf dem Besuchersessel lümmelte. Kurz erklärte sie ihr, was Richter ihr soeben erzählt hatte.

„Was ist denn los? Geht’s dir nicht gut?“ Ella war besorgt um ihre Freundin, doch die schüttelte nur den Kopf. „Ich glaube, ich weiß, wer das Bild genommen hat.“

Fünf Minuten späte fanden sich beide im Büro von Bettina Rößler wieder. Die war allein im Raum und wirkte verloren hinter ihrem riesigen Schreibtisch.

„Bettina?“ Kathi sprach sie leise an und sie blickte auf. „Hast du das Bild genommen?“

Bleich vor Schreck starrte die Bürgermeisterin ihre Bekannte an. „Wieso, aber nein …. Also… wieso sollte ich?“

Um Kathi weitere Unannehmlichkeiten zu ersparen, übernahm Ella das Wort.

„Sie wollten das Bild unbedingt haben, das hat Herr Richter uns erzählt. Also nutzten Sie die Gunst der Stunde, Getümmel im ganzen Haus, die Tür stand weit offen, so dass man es nicht gleich bemerkt hätte, wenn das Bild nicht mehr da hinge und es hätte quasi jeder abnehmen können.“

Bettina Rößler traten die Tränen in die Augen. „Ich halt das nicht mehr aus, ich bin keine Diebin, also, naja, schon aber eine schlechte. Aber er wollte es einfach nicht verkaufen.“ Schluchzend blickte sie die beiden Frauen an.

„Aber wieso?“ Kathi schaute sie fassungslos an.

„Ich war mit meiner Mutter in der Ausstellung. Die Demenz nimmt zu, aber sie erfreut sich noch so an der Kunst. Als sie das Bild sah, hatte sie Tränen in den Augen und sagte immer wieder „mein Mädchen“. Das hatte ich erst nicht verstanden. Dann begann ich nachzuforschen und es stellte sich raus, dass das Mädchen auf dem Bild meine Schwester war. Meine Eltern haben nie über den Unfall gesprochen, aber ….“ Tränen erstickten ihre Stimme.

„Und weil Richter das Bild nicht verkaufen wollte, haben Sie es heute unter Ihrem Kostüm rausgeschmuggelt.“

Bettina nickte nur. „Ihr könnt die Polizei ruhig holen, das ist jetzt eh alles egal.“

„Bleib du bei ihr, ich gehe.“ Ella verließ den Raum. Doch anstatt mit der Polizei, kehrte sie mit Fred Richter zurück.

Bevor die Bürgermeisterin eine Entschuldigung hervorbringen konnte, ergriff der Maler das Wort: „Hätte ich gewusst, wer Sie sind, ich hätte es Ihnen von Herzen gern geschenkt.“ Der alte Griesgram wirkte plötzlich milde.

Die Geschichte um das verschwundene Bild verbreitete sich in der Stadt wie ein Lauffeuer und in der Zeitung war am darauffolgenden Montag zu lesen: „… Wer das Gemälde „Mädchen am Brunnen“ unter den Besuchersesseln versteckt hat, wird wahrscheinlich immer ein Geheimnis bleiben. Vermutlich wollte derjenige es später abholen. Das Bild wurde aus der Ausstellung entfernt.“

 

ENDE

 

*Bilder von pixabay

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