Hotel Dreiländereck Zittau
Premierenlesung aus „Humboldt und der letzte Lauf“
30. September 2021
Humboldt und der letzte Lauf
Kapitel 1
„Auf geht’s, Bernd! Du hast es gleich geschafft!“, hörte Humboldt Christin rufen.
Er musste sich ein Grinsen verkneifen. Niemals hätte er gedacht, dass sie so ehrgeizig sein konnte. Obwohl, wenn er es sich recht überlegte, dann führte sie auch ihre Arbeit als Journalistin mit großem Engagement aus. Nur wenn sie gemeinsam klettern oder wandern gingen, wirkte sie immer sehr entspannt. Aber dieser Teamwettbewerb zeigte ihm ungeahnte Seiten an ihr. Seit sie sich im Frühjahr bei der O-See-Challenge, einem Cross-Triathlon direkt am Olbersdorfer See, angemeldet hatten, hatte sie oft im Hallenbad und später im See trainiert. Für ihn dagegen sollte das eigentlich eine nette Abwechslung von seinem stressigen Alltag sein und keine solche Dimension annehmen. Auch den Dritten im Bunde hatte sie schon bald infiziert. Bernd war der Mann ihrer besten Freundin Andrea und ein mäßig ambitionierter Hobbyradler. Allerdings trat er seit Christins Ansage nun auch fast täglich in die Pedale.
„Hau rein!“, hörte er plötzlich eine Männerstimme hinter sich. Danach klatschte etwas auf seinen Rücken und schob ihn an. Jetzt hätte er doch beinahe seinen Start verpasst. Gut, dass Bernd ziemlich fertig zu sein schien, so blieb ihm Humboldts Träumerei verborgen. Sein Mannschaftskollege war ein paar Meter weiter stehen geblieben und keuchte. Trotzdem schaffte er es noch, ihn anzufeuern.
Also, dann mal los, dachte Humboldt und nahm die ersten Meter mit großen Schritten. Doch schon beim folgenden Anstieg, der es gleich in sich hatte, spürte er seine Oberschenkel heftig brennen. Hätte er sich doch intensiver aufwärmen und vielleicht den einen oder anderen Plausch weglassen sollen? Aber seitdem er mit Christin häufiger im Zittauer Gebirge unterwegs war, kannte er doch eine Menge Leute. Und wann kam er schon mal dazu, sich so entspannt zu unterhalten? Da musste er jetzt durch.
Die erste Teilstrecke führte bergauf und bergab über hügelige Wiesen, die von Menschenmengen gesäumt waren. Hier konnte er sich keine Blöße geben und jetzt schon schwächeln, obwohl er am liebsten einen Gang rausgenommen und ein bisschen langsamer gelaufen wäre.
„Humboldt, das hab ich schon schneller gesehen!“ Natürlich hörte er Christins Stimme unter allen anderen heraus. Sie war doch nicht wirklich sauer auf ihn? Als er einen Seitenblick wagte, sah er jedoch, dass sie ihn schelmisch angrinste. „Jetzt versau uns nicht die Staffel, sondern gib mal Gas“, legte sie noch nach, dann war er an ihr vorbei. Die anfeuernde Menge verschluckte allmählich ihr Lachen.
Christin hatte den Anfang ihres Teams gebildet und war auf die 1,1 Kilometer lange Schwimmstrecke gegangen. Sie hatte das Wasser in der ersten Verfolgergruppe verlassen und auf Bernd gewechselt, dem 30 Kilometer Mountainbike durchs Gebirge bevorstanden. Noch bis vor ein paar Minuten war Humboldt froh gewesen, den 10- Kilometer-Lauf übernommen zu haben. Schließlich ging er, wenn es die Arbeit zuließ, auch ab und an laufen. Bei seiner Überlegung hatte er nur eine Komponente vergessen: Das Wetter! Als er vorhin kurz auf sein Handy geschaut hatte, zeigte das Display 34 Grad an. Und das spürte er jetzt mit voller Wucht. Mittlerweile hatte er die freie Fläche geschafft und lief jetzt am Campingplatz entlang in den Wald hinein. Hoffentlich wurden die Temperaturen dort ein wenig angenehmer. Wie gut hatten es da die Schwimmer! Und die Mountainbiker konnten wenigstens in der Abfahrt auf etwas Fahrtwind hoffen. Wobei er nicht an die steinigen und mit Wurzeln übersäten Wege denken wollte. Da wiederum kam er zu Fuß besser zurecht.
Allmählich fand Humboldt zu seinem gewohnten Laufrhythmus. Er brauchte diese ganze Aufregung während eines Rennens nicht. Viel lieber genoss er die Ruhe im Wald. Deshalb benutzte er auch nie Kopfhörer, um sich mit Musik volldröhnen zu lassen.
Auf den nächsten Kilometern konnte er richtig Fahrt aufnehmen und sogar den einen oder anderen Läufer überholen. Christin wäre sicher stolz auf ihn. Bei diesem Satz hätte er beinahe angefangen zu lachen. Im letzten Jahr hatte sich einiges verändert in seinem Leben, besonders in seinem Gefühlsleben. Nach einem klärenden Gespräch und einer wundervollen zweiten Nacht hatten sie viel Zeit miteinander verbracht. Entweder waren sie in Dresden oder in Christins Baude in Oybin. Sogar einen kurzen Kletterurlaub in der Fränkischen Schweiz hatten sie unbeschadet überstanden. Nein, obwohl er sich wirklich immer wieder fragte, was Christin an ihm fand und sich nicht hatte vorstellen können, jemals wieder geliebt zu werden, wurde der Begriff „unbeschadet“ der Zeit mit Christin nicht gerecht. Ihre Beziehung beruhte auf viel Respekt und liebevoller Vorsicht. Auch das war zu wenig. Ja, sie liebten sich beide sehr. Aber manchmal eben noch mit angezogener Handbremse. Oder empfand nur er das so?
Humboldt musste sich jetzt konzentrieren. Er passierte gerade eine Stelle, bei der die Läufer auf Steinen balancierend einen schmalen Fluss überqueren mussten. Da er wusste, dass es nun nicht mehr weit bis ins Ziel war, legte er noch einmal einen Zahn zu. Allerdings bereute er das sofort, als er den Wald verlassen hatte und wieder Richtung See lief. Die Sonne brannte unbarmherzig und er spürte einen unbändigen Durst. Vielleicht hätte er an den Verpflegungsstellen zugreifen sollen. Aber da er sonst ja auch immer ohne Trinkflasche laufen ging, war es ihm gar nicht in den Sinn gekommen, die 10 Kilometer nicht ohne Verpflegung überstehen zu können. Das schien sich jetzt zu rächen. Der erste Läufer überholte ihn schon wieder.
Komm schon, dachte Humboldt, den letzten Kilometer schaffst du jetzt auch noch. Noch einmal mobilisierte er alle Kräfte und versuchte, das Durstgefühl zu ignorieren. Auf dem langen Weg, der wenigstens von hohen Bäumen gesäumt war, wäre er am liebsten rechts abgebogen, denn dort lag das Ziel. Allerdings musste er noch eine letzte Schleife laufen, um dann an einem riesigen Schaufelrad, das an vergangene Grubezeiten erinnerte, vorbei einen kleinen Anstieg zu nehmen und dann bergab ins Ziel zu gelangen.
„Ja, Humboldt, das sieht klasse aus! Du hast es bald geschafft! Siehst du den Läufer da vorn? Das müsste Platz 5 sein! Vielleicht kriegst du ihn noch“, brüllte Christin sich durch die Menschenmengen.
Keine Chance, dachte Humboldt. Eher falle ich auf der Stelle um und trinke einen Eimer Wasser leer. Aber dann tat ihm Christin leid und er versuchte, noch einmal zu beschleunigen. Doch auch wenn der Kopf die Befehle dazu gab, die Muskeln in den Beinen hatten schon längst abgeschaltet. Mit letzter Willenskraft schaffte er es bis ins Ziel. Nie wieder würde er sich zu so etwas überreden lassen. Wie gut taten doch da entspannte Klettertouren oder ein Läufchen nach der Arbeit.
„Du bist super gelaufen“, begrüßte ihn Christin, als sie bei ihm ankam. Sie legte ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn auf den Mund.
„Wasser oder Bier?“, fragte Bernd, der sich zu ihnen gesellt hatte. Auch Andrea stand nun strahlend bei ihnen.
„In der Reihenfolge“, antwortete Humboldt und kippte den Becher mit Wasser in einem Zug hinunter. Dann schnaufte er kräftig. „Das war so unglaublich heiß, das könnt ihr euch nicht vorstellen.“
…
Während sie noch gemütlich beisammen saßen und allmählich an den Aufbruch dachten, tippte jemand von hinten auf Humboldts Schulter. Er schnellte herum und schaute in das verschwitzte Gesicht eines Polizeibeamten.
„Herr Humboldt?“, fragte er. Etwas Gehetztes lag in seinen Augen.
„Ja?“, fragte Humboldt und stand auf.
„Gut, dass Sie noch da sind. Wir haben einen toten Wettkämpfer auf dem Hochwald. Ich habe Sie schon die ganze Zeit versucht anzurufen, aber bei dem Lärm werden Sie es nicht gehört haben.“
Fast hätte Humboldt als erste Reaktion sein Handy gecheckt, aber es war jetzt eigentlich unwichtig, ob die Anrufe eingegangen waren. „Was ist mit meiner Kollegin Mahler aus Görlitz? Die ist doch hier zuständig“, antwortete Humboldt. Dabei schob er den Beamten aus der Menschenmenge im Zelt heraus, um ihn besser verstehen zu können. Sofort knallte die Sonne wieder auf seinen Kopf. Also ging er weiter, um sich in den Schatten eines Baumes zu stellen.
„Kriminalhauptkommissarin Mahler hat sich gestern das Bein gebrochen und der Oberkommissar Franz ist derzeit im Urlaub“, antwortete der Beamte schnell. Er hatte seine Mütze vom Kopf gezogen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Wir hätten also sowieso Sie von Dresden rufen müssen.“
„Okay, ich hole meine Sachen und dann können wir los. Sind Sie mit dem Auto da?“, fragte Humboldt und machte sich schon auf den Weg zu seinen Freunden.
„Ja, ich stehe auf dem Campingplatzparkplatz.“ Der Beamte hastete hinter Humboldt her.
„Doch nicht nur ein Schwächeanfall“, sagte Humboldt den anderen, die ihn erwartungsvoll ansahen. „Ein Toter auf dem Hochwald. Ich schau mir das mal an. Wollen wir uns später bei Christin treffen? Ihr könnt ja noch ein bisschen bleiben.“
„Und wie kommst du wieder nach Hause?“, fragte Christin und sprang auf. „Ich komme mit.“
„Und Andrea und Bernd laufen heim?“, fragte Humboldt grinsend. Es war ihm klar, dass Christins Journalistinnenneugier geweckt war. Aber sie hatte jetzt nichts dort zu suchen. Jedenfalls noch nicht.
Christin hatte sich wieder gesetzt. „Stimmt, ich hatte vergessen, dass wir alle zusammen gefahren sind. Ich hole dich später ab, ja? Sag mir Bescheid, wo ich dich finde.“
Humboldt spürte ihre Enttäuschung. Darauf konnte er jetzt aber keine Rücksicht nehmen. Eilig lief er mit dem Beamten davon.
Kurz darauf fuhren sie mit dem Kleinwagen über einen holprigen Waldweg Richtung Gipfel des Hochwalds. Hier waren noch vor ein paar Stunden die Teilnehmer der O-See-Challenge mit dem Rad heruntergebrettert.
Als es immer unwegsamer wurde und Humboldt schon befürchtete, dass sie gleich stecken bleiben würden, stoppte der Beamte.
„Dort hinten, sehen Sie?“, sagte er kurz und sprang aus dem Wagen.
Humboldt tat es ihm gleich. Hier im Wald war die Hitze erträglich; als er jedoch im Laufschritt hinter dem Beamten herlief, spürte er sofort, wie sich der Schweiß an den dafür bekannten Körperstellen sammelte. Kurz dachte er noch, dass er sicherlich keinen angenehmen Duft verströmte, da er nach seinem Lauf noch nicht einmal duschen gewesen war, aber da war er auch schon an der Fundstelle der Leiche angekommen.
„Humboldt, Kripo Dresden“, begrüßt er den Arzt, der seinen Koffer gerade schloss.
Herzlichen Glückwunsch der Gewinnerin Elisabeth Harwart.
Sie erzielte mit Ihrem Gemälde „Wiederkehr des Frühlings“ die höchste Punktzahl.
Als Gewinn erhält sie die Möglichkeit, im HZO Wilthen sich zu präsentieren.
Aber hier erstmal ein Überblick zu Ihrem Leben und Schaffen.
1972 in der kirgisischen SSR geboren, kam Elisabeth Harwart im Alter von drei Jahren, als Heimkehrerin mit ihrer Familie, in der ehemaligen BRD an. Während der ganzen Schulzeit in der kleinen Stadt Lingen (Ems) in Niedersachsen, vertrieb sie sich die Zeit mit Zeichnen. Ihre Mappen und Schulbüchern zierten Zeichnungen von Mitschülern und Lehrern, was schon früh die Ausrichtung Elisabeths Vorlieben andeutete. Zu der Begeisterung für alles Bildhafte, gesellten sich auch die Liebe zur Musik, Literatur und der Natur. Mit 17 gewann sie, währende eines Austauschaufenthaltes, den 2. Preis des Jugendkunstwettbewerbes des Staates Colorado, USA und wurde in Denver ausgestellt. Das Abitur machte sie im Hauptfach Kunst. Statt Kunst zu studieren entschied, sie sich für das Studium eines anderen künstlerischen Fachs, Theaterwissenschaften, da für sie im Theater alles zusammentraf, bildhafte Kunst, Musik und Literatur. In den 30 Berufsjahren bis heute und als alleinerziehende Mutter ohne Reue entwarf und produzierte sie Bühnenbilder, Fotografien und Plakate, komponierte Filmmusik, führte Regie, spielte Theater, drehte und schnitt Filme, konzipierte und organisierte Kunstprojekte u.a. in Bochum, Bremen, Hamburg und in Berlin. 2016 zog sie in den Landkreis Görlitz, satt von der Großstadt, wo sie nun zusammen mit ihrer „einzigen und Lieblingstochter“ glückliche Wahloberlausitzerin geworden ist. Hier engagiert sie sich im Oberlausitzer Kunstverein und fand die Ruhe im Malen und Gestalten mit Ton wieder. „Die großartige Natur, die einzigartigen Umgebindehäuser und die lieben Freunde, die ich hier habe, sind eine wahre Inspiration und Bereicherung meines Lebens. Meine Werke sind persönlich, voller Emotion. Stil sowie Technik wähle ich je nach gewünschter Wirkung. Ich experimentiere. Ein Kunststudium hätte wahrscheinlich eine klarere Richtung gebracht, aber auch Unfreiheit. So ist der Schaffensprozess viel direkter und manchmal selbst für mich noch überraschend ist, was viel Spaß daran ausmacht.“

Humboldt und der letzte Lauf – Teil 4 der Reihe um Kriminalhauptkommissar Humboldt. Das eBook ist im Juni 2021 erschienen, das Taschenbuch folgt im August.
Prolog (1991)
„Mikkel, komm jetzt raus! Mir ist kalt!“ Smila trat von einem Bein aufs andere und buddelte sich damit immer tiefer ein.Sie liebte die Unterschiede. In der Nähe des Wassers fühlte sich der Sand kühl und fest an, Richtung Dünen wurde er immer heißer und lockerer. Normalerweise würde sie noch viel länger mit ihrem kleinen Bruder im Meer toben, aber jetzt musste sie aufs Klo. Und außerdem warteten ihre Eltern sicher. Sie wunderte sich sowieso schon, dass ihr Vater nicht längst nach ihnen geschaut hatte. Er war der Ängstlichere von beiden. Zwar machte sich ihre Mutter auch ständig wegen irgendetwas Sorgen, aber sie kontrollierte sie nicht so oft.
„Mikkel, was ist jetzt?“, rief sie noch einmal.
Murrend stapfte ihr Bruder aus dem Wasser. Seine Luftmatratze zog er hinter sich her. „Och Menno, es ist doch überhaupt noch nicht spät. Und Papa ist auch noch nicht da. Los, komm nochmal mit rein.“
Smila war erstaunt, dass selbst ihrem 13-jährigen Bruder auffiel, dass ihr Vater noch nicht aufgetaucht war. Länger als eine Stunde ließ er sie selten allein. Und nun war schon viel mehr Zeit vergangen.
„Nee, wir müssen los. Es gibt sicher gleich Abendbrot“, sagte sie bestimmt. Dass sie fünf Jahre älter als Mikkel war, ließ sie nur zu gerne raushängen. Schließlich hatte sie früher häufig auf ihn aufpassen müssen, dann konnte er jetzt auch nach ihrer Pfeife tanzen.
„Müssen wir morgen wirklich schon wieder heimfahren?“, murrte Mikkel weiter, zog sich aber brav sein T-Shirt an und legte das Handtuch über die Schultern. Dann schnappte er sich die Luftmatratze. „Wir haben doch noch vier Wochen Ferien, waren doch sonst immer viel länger in Schweden. Warum denn dieses Mal nicht?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Smila. Auch so etwas, das ihr gleich komisch vorgekommen war, als ihre Eltern darüber gesprochen hatten, diesmal nur kurz in ihr Ferienhaus zu fahren. Hatten sie so viel Arbeit zuhause? Womit sie beim nächsten Mysterium war, denn selbst mit ihren achtzehn Jahren konnte sie nicht genau sagen, was ihre Eltern taten. Sie saßen oft am Computer, bekamen über ein gesondertes Telefon Anrufe, die meist nur kurz dauerten, und in letzter Zeit waren sie häufig unterwegs. Meistens nur ein Elternteil, damit das andere bei den Kindern bleiben konnte. Wenn Smila wissen wollte, was sie zum Beispiel in der Schule sagen sollte, was ihre Eltern beruflich taten, bekam sie immer die gleiche Antwort: Sie waren im Import- und Exportgeschäft tätig und mussten für verschiedene Firmen die Warenwege koordinieren. Geglaubt hatte ihnen Smila das nie. Aber da sie keine andere Erklärung bekam, beließ sie es dabei.
Auf dem Weg zu ihrem Ferienhaus beschlich Smila plötzlich ein komisches Gefühl. „Sag mal, was hat Mama gesagt, wann wir zum Abendbrot zurück sein sollten?“, fragte sie ihren Bruder.
„Hm, ich glaub um sieben“, antwortete Mikkel unbekümmert.
Smila schaute auf ihre Uhr. Jetzt war es fast halb neun. Nie im Leben hätten ihre Eltern sie so lange im Wasser gelassen. Sie schluckte. Was war es nur, was ihr plötzlich Angst einflößte?
„Bringst du die Luftmatratze in den Schuppen? Ich geh schon mal ins Haus, Mama und Papa beruhigen“, sagte sie zu ihrem Bruder und schob ihn in den hinteren Teil des Gartens.
Murrend folgte er ihren Anweisungen.
Mit klopfendem Herzen ging Smila zur Haustür und klingelte. Nichts tat sich. Erst jetzt bemerkte sie, dass die Tür einen winzigen Spalt offen stand. Erschrocken trat sie einen Schritt zurück. Normalerweise waren bei ihnen alle Türen rundherum zugeschlossen. Selbst die Terrassentür hatte ein Schloss und wurde nur geöffnet, wenn sie wirklich in den Garten wollten. So, wie das bei anderen Familien war, dass die Türen und Fenster den ganzen Tag offen standen, kannte sie es nicht. Sie beneidete ihre Freundinnen immer darum. Sagen konnte sie es nie, damit sie nicht ausgelacht wurde.
Vorsichtig sah sie sich um. Es war niemand zu sehen. Alles sah wie immer aus. Also drückte sie die Tür langsam auf. Auch in dem kleinen Flur konnte sie keine Veränderung feststellen. Smila nahm allen Mut zusammen und betrat das Haus. „Mama? Papa?“, rief sie leise. Keine Antwort. Auf Zehenspitzen ging sie weiter. Was sollte sie tun, wenn jetzt ein Einbrecher auf sie zukam? Ob sie besser gleich die Polizei rief, bevor sie weiterging? Am Ende waren ihre Eltern einfach nur beim Fernsehen eingenickt und sie machte hier alle verrückt. Aber sie wusste, dass das nicht wahr sein konnte. Ihre Eltern waren irgendwie immer auf der Hut.
Als sie sich dem Wohnzimmer näherte, hörte sie Mikkel hinter sich.
„Ich hab einen Hunger!“, rief er fröhlich. Dabei schleuderte er seine Schuhe in die Ecke.
Beinahe hätte Smila ihn ermahnt, die Schuhe ordentlich hinzustellen, doch jetzt musste sie ihn erstmal loswerden, bevor sie die Tür zum Wohnzimmer öffnete.
„Du sollst noch Holz von draußen holen!“, rief sie ihm zu.
„Warum ich? Du bist dran“, sagte Mikkel und schaute sie herausfordernd an.
Da hatte er recht, dachte Smila. „Ich soll Mama noch was helfen“, antwortete sie und schob Mikkel Richtung Haustür. Wieder kam er ihrer Aufforderung knurrend nach.
Als er verschwunden war, drehte sie sich schnell um. Ihr blieb nicht viel Zeit bis zu seiner Rückkehr. Eilig öffnete sie die Tür und schaute ins Wohnzimmer. Nichts! Dann wandte sie sich der Küche zu und entdeckte sie sofort. Ihre Eltern lagen eigenartig verrenkt und doch irgendwie einträchtig nebeneinander auf dem Boden und Smila musste nicht erst nachsehen. Sie wusste, dass sie tot waren. Sie blieb wie versteinert stehen und konnte ihren Blick nicht abwenden. Hatte sie tatsächlich seit Jahren damit gerechnet, dass so etwas irgendwann passieren würde? Blieb sie deshalb jetzt so ruhig?
Wieder hörte sie Mikkel im Hausflur. Langsam drehte sie sich um und ging zu ihm. Dann legte sie einen Arm um seine Schultern und zog ihn mit nach draußen.
„Smila, lass das! Wo willst du denn hin?“, fragte er und versuchte, sich aus ihrem Klammergriff zu befreien.
„Wir müssen weg“, sagte sie nur und schloss die Tür hinter sich.
… Wo es nur ging, beobachtete ich sie. Ich schoss sogar Fotos und machte mir Unmengen an Notizen. Schon bei den ersten Schießübungen wurde mir klar, das konnte nichts werden. Abgesehen davon, dass sie sowieso nicht trafen, ruckelten sie ewig herum, bis sie endlich die richtige Liegeposition gefunden hatten.
Dann hatten sie vergessen, den Unterstützungsriemen am Oberarm einzuhaken, das Magazin steckte nicht richtig im Gewehr, die Patrone hatte sich beim Repetieren verklemmt oder, was es niemals bei Männern gegeben hätte, die Haare störten, so dass sie sich die Locke erst hinter das Ohr schieben mussten, bevor sie die Scheiben ins Visier nehmen konnten.
Und diese Lautstärke! Ständig gackerten sie los, wenn ihnen etwas nicht gelang oder sie doch mal getroffen hatten. Die Trainer kamen mir wie zwei Schäferhunde vor, die ihre Schäfchen beieinander halten mussten. Das Wort „Ruhe“ bekam selbst für mich eine völlig neue Bedeutung. Die kehrte erst wieder ein, wenn dieser Hühnerhaufen das Training beendet und sich auf den Weg in ihr Haus gemacht hatte.
Und das war das einzig Gute: die Grazien bewohnten ein eigenes Haus. Es gab also doch noch so etwas wie eine weiberfreie Zone. Die Jungs wohnten im vorderen Komplex, in dem sich auch die Trainerzimmer befanden.
Tage und Wochen zogen ins Land. Den ganzen Sommer über hatte ich genug Material gesammelt. Natürlich machten sie Fortschritte, was mich sehr beunruhigte.
Am meisten aber quälte ich mich mit der Erkenntnis, dass sie ihre Raffinesse einsetzten, um sich bei den Jungs einzuschleimen. Ich konnte es mir nicht anders erklären. Denn die verstanden sich alle prächtig. Niemand schien den guten alten Zeiten nachzutrauern. Es war zum Heulen.
Als ich endlich genug Beweismaterial zusammen hatte und meine Beschwerde einreichen wollte, hob sich der Eiserne Vorhang. Wohin jetzt mit meinen Bedenken?
Nun wollte sich jeder erstmal um sich selbst kümmern. Was tun mit der neu gewonnenen Freiheit? Welche Wege konnten eingeschlagen werden? Niemand achtete mehr darauf, was die Weiber taten. Es wurde zur Selbstverständlichkeit, da vermeintlich wichtigere Dinge anstanden.
Aber ich gab meine Mission nicht auf. Die ganze Sache hatte nur einen Haken. Ich hatte nicht bemerkt, dass die Damen mir auf die Schliche gekommen waren.
Wenn ich sie beim Schießen aus den Augenwinkeln beobachtete, drehten sie plötzlich alle ihre Köpfe in meine Richtung und stierten mich mit ihren unschuldigen Augen an. Musste ich im Kraftraum nach dem Rechten sehen, begannen sie in ihren knappen Outfits mit Verrenkungen, dass einem schwindelig werden konnte. Oder bildete ich mir das alles nur ein?
Dann dieses Tuscheln! Ständig hörte ich es zischeln, sobald ich in ihre Nähe kam. Es machte mich ganz rasend. Aber ich wollte meine Mission nicht aufgeben. Ich konnte nicht, würde ich doch meinen Frieden erst wiederfinden, wenn sie aus meinem Leben verschwunden waren.
Und nun war es also soweit. Nicht sie verschwanden, sondern ich würde gehen. Um mich war es nicht schade. Wer oder was erwartete mich schon auf dieser Welt! Aber was wurde dann aus meinem Auftrag? Ich musste doch die Biathlon-Männerwelt retten! Das wollte ich bei meiner letzten Observierung auch tun. Genau dabei kam es doch ans Licht, dass ich recht hatte.
Ich war gerade in der Waffenkammer zugange, als ich das Geschnatter hörte. Schnell hatte ich mich zwischen Schrank und Wand geklemmt, in der Hoffnung, dass sie mich nicht sehen würden.
Ihr Plappern ließ auch nicht nach, als sie begannen, die Waffen zu reinigen. Und dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Zuerst spürte ich die wohlige Ruhe, die direkt entstand. Dann den Schmerz und danach die Schwärze.
Wieder hörte ich ihr Gezeter, aber diesmal berührte es mich nicht. Ich war ihnen entkommen. Den Flintenweibern, meinen Schwestern, der Mutter, und fand endlich die Ruhe, nach der ich mich so sehnte.
Diese Geschichte widme ich den Biathletinnen, die mit mir (damals Jana Richter) durch die spannende erste Zeit im Damenbiathlon gegangen sind: Katrin Bräuer, Jana Englert, Heike Richter, Carmen Schindler, Ilka Schneider, Katrin Cruschwitz, Kerstin Fuchs und Silvia Kaden. Und den beiden tapferen Trainern Horst Koschka und Wolfgang Sturm, die es mit uns Frauen aufgenommen und uns für diesen Sport begeistert haben. Ich bin sehr froh, dass aus den belächelten Flintenweibern eine anerkannte und erfolgreiche Sportart entstanden ist.
In der Anthologie „Schatten über dem Erzgebirge“ haben die Geschichten von 22 Autorinnen und Autoren aus Tschechien und Deutschland ihre Schauplätze jeweils an einer Welterbestätte. Die Handlungen sind zweisprachig abgedruckt und illustriert und entführen die Leserinnen und Leser an diese Orte, nehmen sie mit in die Historie und entfachen Neugier, diese zu besuchen.
Meine Kurzgeschichte spielt in der Montanlandschaft Altenberg-Zinnwald, zu der ich seit meiner Biathlonlaufbahn einen besonderen Bezug habe. Natürlich ist die Handlung der Geschichte ausgedacht.
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Heute plaudert die Journalistin Christin Weißenburg aus ihrem Leben. Na ja, jedenfalls aus einem ganz spannenden Kapitel ihres Lebens:
Der Ermittler und die Journalistin Teil 2: Wie Christin Humboldt kennenlernte
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In meinen Kriminalromanen geht es nicht nur um die Jagd nach dem Mörder. Ich finde, in einen Regionalkrimi gehört auch Lokalkolorit, Humor und die Liebe. Oder eben auch die Hassliebe. Heute möchte ich meinen Ermittler Humboldt zu Wort kommen lassen, der die Journalistin Christin Weißenburg furchtbar nervig findet. Nervig und doch irgendwie anziehend.
Der Ermittler und die Journalistin Teil 1: Wie Humboldt Christin kennenlernte
Humboldt erzählt:
Ich war am Tiefpunkt meines Lebens angelangt. Meine Frau hatte die Scheidung durchgezogen. Wir lebten seit zwei Jahren getrennt und ich dachte immer, das würde sich wieder einrenken. In der ersten Zeit habe ich sie einfach in Ruhe gelassen, damit sie wieder zu sich finden konnte. Doch dann habe ich versucht, um sie zu kämpfen, mit Blumen, kleinen Geschenken und Einladungen zum Essen. Anfangs reagierte sie noch darauf, wenn auch zögerlich. Und dann schien sich etwas in ihrem Leben geändert zu haben, denn sie antwortete auf keine meiner Nachrichten mehr. Kurz darauf sah ich den Grund. Sie schlenderte Hand in Hand mit so einem Anzugträger am Elbufer entlang. Tja, die Scheidung war dann die logische Folge. Trotzdem riss es mir die Füße weg. Ich taumelte nur noch durchs Leben. Und irgendwann in Wallis Etablissement. Walli kannte ich von früheren Ermittlungen, sie war mehr mütterliche Freundin, als dass sie mir eines ihrer Mädels hätte anbieten wollen. Ich durfte einfach bei ihr am Tresen sitzen. Wollte ich reden, hörte sie zu. Wollte ich schweigen, ließ sie mich in Ruhe.
Da ich mich quasi in einer Art Trance befand, merkte ich nicht, dass mir die Journalistin Christin Weißenburg für ihre Klatschspalte nachspionierte. Natürlich war es für sie ein gefundenes Fressen, den Kriminalhauptkommissar der Stadt Dresden im Puff zu erwischen. Und wenn man ihren Bildern Glauben schenken wollte, sah es ganz danach aus. Sobald sich eines von Wallis Mädels neben mich gestellt hatte, drückte sie ab. Dabei wollten die Schönheiten sich nur mit mir unterhalten, Walli hatte sie instruiert: aufmuntern, aber nicht anbaggern.
Warum auch immer Christin die Bilder nicht einfach benutzt hatte, jedenfalls lagen sie irgendwann mit einer Nachricht von ihr im Briefkasten. Allerdings wollte sie weder Geld noch stellte sie eine andere Forderung. Sollte es eine Drohung sein? Ich beschloss, ganz offen damit umzugehen und erzählte alles meinem Chef. Mit dem konnte man reden und er fand auch gleich eine praktikable Lösung. Wir luden Christin zu einer Besprechung ein. Dabei offenbarten sich ihre Beweggründe, die uns sehr überrascht hatten.
Aber davon kann sie beim nächsten Mal selbst erzählen.
Ich muss dann mal weiter!
Euer Humboldt
Schon als Kind zeichnet Van Anh ihre Familie und Freunde und gewann bei Wettbewerben mehrere Preise.
1987 verlässt sie ihre Heimat Vietnam und geht nach Deutschland. Viele Vietnamesen arbeiteten damals als Gastarbeiter in der DDR.
Eigentlich wollte sie später nach Vietnam zurück kehren und dort Kunst studieren, aber es kam anders. 1993 bewirbt sie sich an der Kunsthochschule Dresden und wird sofort angenommen. Ihre Lehrer sind u.a. Elke Hopfe und Prof. Siegfried Klotz. Sie schliesst 1998 das Studium mit Diplom ab und bekommt anschließend 2004 noch ein Diplom als Kunsttherapeutin. Seit 2013 befasst sie sich mit Meditation und Selbstheilungsprozessen und hat entsprechenden Zertifikate. Warum diese spezielle Richtung? Sie sagt von sich, dass sie immer neugierig war – auf alles neue oder andere. Und es fazinierte sie, dass man mit Kunst Menschen heilen kann, die Kunst hilft Blockaden zu erkennen und zu lösen. Kunst berührt die Seele.
Bischofswerda war der Ort, wo sie arbeitete und für ihre Arbeit immer neue Inspiration und Ruhe fand.
Der ersten Austellung 1989 im Kino Bischofswerda folgten viele Einzel- und Gemeinschaftsausstellen in Bischofswerda in der Carl-Lohse-Galerie, in der DHfBK, im Kloster Altzella in Nossen, im Aha-Cafe in Dresden, in Saarbrücken, in Görlitz, in Bautzen, in Anwaltskanzleien in Dresden und Bautzen, im BIO-Hotel Essentis in Berlin, im Lübbener Rathaus, in Vietnam im Art International Museum und weitere kleine Ausstellungen in privaten Gebäuden und Frauenzentren. 2015 gewann sie den den ersten Preis beim BEcome Love Philosophie-Festival in Berlin.
Wie kommt sie zu ihren Motiven?
In ihren Bildern verarbeitet isie Gesehenes und Erlebtes. Dabei spielt sie viel und gern mit Farben und Formen. Es spiegeln sich Gedanken, Gefühle, Träume und der Weg zu sich Selbst und zum Einklang mit der Natur wieder. Landschaften zeichnet sie unterwegs als Skizze oder mit Aquarell. Im Atelier entsteht dann das Ölbild dazu. Es kommt auch vor, dass sie mit dem Betrachter „spielt“. Kleine Details oder Menschen werden im Bild „versteckt“ und offenbaren sich meist nicht auf den ersten Blick. Ihre Bilder sind lebendig voller Farbe und Licht.
Sie malt und zeichnet auch gerne Menschen. Ihre Vielfalt im Ausdruck, ihre Charaktere und Gedanken inspirieren sie.
Schon beim Sehen entsteht die Zeichnung im Kopf. Sie lässt Portraits Eins mit dem gesamten Bild werden.
So ist ein Projekt entstanden. Sie zeichnet alte Menschen im Altenheim, die Gesichter, in denen sich so viel spiegelt, das gelebte Leben und die Nähe des Todes.
Zur Zeit malt Van Anh Wendler viel. Ein aktuelles Projekt ist eine Landschaft in Nochten in Öl.
Sie arbeitet freiberuflich in verschiedenen Schulen und Einrichtungen in Bischofswerda, Bautzen und Kamenz (Schulen, Altersheimen, Kindereinrichtungen, Volkshochschulen und in privaten Einrichtungen) als Lehrkraft im Bereich Kunst, Gestaltung und als Kunsttherapeutin.
Thema: Mein schönstes Wintergemälde
Start einer Wettbewerbsreihe um das schönste Gemälde aus eigenem Atelier.
Oberlausitz-art sucht das beliebteste Wintergemälde laut Voting.
Die Gewinner des Wettbewerbes sind:
1. Platz
Schneeberg 2017
Autor: Van Anh Wendler
Bewertung: 4,23 (32 Bewertungen)
Beschreibung:
Öl auf Leinwand 70×100 cm
Der Gewinner erhält für einen Monat einen exklusiven Platz auf der Frontseite von oberlausitz-art.
Hier besteht dann die Möglichkeit sich zu präsentieren, sich persönlich vorzustellen und seine Werke einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen.
2. Platz
Waldweg in Bad Elster
Autor: Monika Pohl
Bewertung: 4,05 (17 Bewertungen)
Beschreibung:
Aquarell 30 x 40 cm, 2018
3. Platz
„Stausee im Winter“
Autor: Gabriele Beinlich
Bewertung: 4,02 (7 Bewertungen)
Beschreibung:
„Stausee im Winter“
Aquarell, 50 x 65,
Dezember 2020.
Wir bedanken uns bei allen Künstlern für ihre Teilnahme.
Eingereichte Gemälde:
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Eigentlich wäre der Februar ja die perfekte Zeit für die Lichtengänger. Nun ist in diesem Jahr alles anders und wir werden keine vermummten Gestalten durch den Schnee huschen und stumm an den Haustüren klingeln sehen. Deshalb habe ich mir gedacht, es könnte Ihnen vielleicht gefallen, sich durch eine meiner Geschichten in die Situation hineinzuversetzen. Ob Sie nun GastgeberIn sind oder sich der schwitzenden Menge anschließen, können Sie ja selbst entscheiden :-).
(mehr …)