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Kürbisrote Rache – Teil 1

von | 14. Oktober 2021

kürbisrote RacheEilig wischte sie sich die Hände an einem Taschentuch ab und warf es auf die Rückbank des Autos.

Ein prüfender Blick in den Spiegel verriet ihr, dass die Hochsteckfrisur noch immer perfekt saß und das aufwändige Make-up keine unangenehmen Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen hatte. Kurz hielt sie inne. Die Entschlossenheit in ihren Augen ließ selbst sie frösteln. Energisch wandte sie sich ab. Seit Wochen schon konnte sie an nichts anderes mehr denken. Dieser Abend würde ihr Leben verändern. Und nicht nur ihres. Fragte sich nur, in welche Richtung.

Sie schaute auf die Uhr. Ihr blieben noch 10 Minuten Zeit, um sich in den Feierabendverkehr einzureihen. Wie gern würde sie jetzt eine Zigarette rauchen. Aber das würde sie sofort verraten. Sie hoffte sowieso schon inständig, dass das geliehene Parfüm von ihren körpereigenen Gerüchen ablenken würde.

Noch einmal sah sie zum hinteren Teil des Hauses, neben dem sie den Wagen geparkt hatte. Alles war ruhig und würde es auch hoffentlich für die nächsten Stunden bleiben. Danach würde ihr schon eine Ausrede einfallen. Einfallen müssen!

Sie startete den Motor des Kleinwagens, der viel zu laut aufheulte. Erschrocken nahm sie den Fuß vom Gaspedal. Sie musste mehr Gefühl entwickeln. Souveräner wirken. Langsam ließ sie die Kupplung kommen. Das Auto rollte sacht aus der Parkbucht. Sie zog die kalte Winterluft tief in ihre Lungen, um sie dann kontrolliert wieder herausfließen zu lassen. Ein Gefühl von friedvoller Ruhe durchströmte ihren Körper. Sie war auf dem Weg! Endlich!

***

Johannes nahm die letzten Stufen mit schwungvollen Schritten. Er freute sich auf den Abend im Kreise seiner Freunde. Die Idee, einen gemeinsamen Kochkurs zu besuchen, hatte Anita gehabt. Ausgerechnet seine Frau. Wobei, gerade sie konnte den Kurs gut gebrauchen. Seitdem die Kinder auf der Welt waren, kam zwar jeden Tag frisch Gekochtes auf den Tisch, aber alles ohne Pfiff. Als ob es so schwer wäre, ein paar kleine Besonderheiten vom Markt mitzubringen, diese abwechslungsreich zuzubereiten und schön anzurichten.

Vor allem, seitdem die Kinder nun wirklich aus dem Gröbsten raus waren. Julian ging schon aufs Gymnasium und Elin in die dritte Klasse. Die konnten sich doch schon prima selbst um ihre Sachen kümmern. Aber nein, ständig jammerte Anita. Vormittags arbeiten, dann schnell kochen, mit Elin die Hausaufgaben machen, Julian zum Lernen und Handy weglegen animieren und dann noch die Wäsche und der Haushalt. Als ob er nichts zu tun hatte. Schließlich war er oft 10 Stunden im Büro und hatte danach wirklich keinen Nerv mehr, Vokabeln abzufragen oder sich das Gejammer seiner Frau anzuhören. Der Tag mit den Kindern war ihr Job. Er brachte das Geld heim.
Wie zur Bestätigung nickte er, fuhr sich mit der Hand durch das dichte, lockige Haar und öffnete die Tür zur Kochschule.

***

Mit klopfendem Herzen stand sie zwischen den Freunden und versuchte, den Gesprächen zu folgen. In Gedanken ging sie noch einmal jeden einzelnen Namen und dazugehörigen Lebenslauf durch.
»Anita, was meinst du? Ist eine Hochzeitsreise auf die Malediven nun zu elitär oder doch schon wieder out? Marianna und ich können uns einfach nicht einigen.« Der Mann, der sie angesprochen hatte, hieß Konstantin, war groß, blond und extrem gut aussehend. Wie fast alle hier im Raum. Die Reichen und Schönen. Konstantin legte zärtlich seinen Arm um Marianna und schaute sie erwartungsvoll an.

Die Übelkeit, die von ihrem Magen ausgehend aufstieg, setzte in rasender Geschwindigkeit den Speichelfluss in Gang. Sollte sie Konstantin jetzt vor die Füße spucken und ihm ehrlich sagen, was sie von seinem aufgeblasenen Sandstrand-Gequatsche hielt? Dann würde ihre Tarnung sofort auffliegen. Gott, wie sie das hasste. All diese oberflächlichen Pärchen, die sich Freunde nannten und alle mitleidig belächelten, die nicht in ihr betuchtes Schema passten.
Bevor sie sich weiter in Rage denken konnte, schwang die Eingangstür geräuschvoll auf und Johannes trat ein. Ihr blieb fast das Herz stehen. Ruhig atmen! Bitte jetzt keinen Schweißausbruch bekommen! Sie schaute in die fröhlichen Gesichter, die Johannes begrüßten. Jetzt waren sie komplett. Die Show konnte also beginnen. Auch sie setzte ihr schönstes Lächeln auf und hauchte Johannes einen Kuss auf die Wange, die er ihr gnädig hinhielt. Ein Frösteln schob sich über ihren Rücken, bis es die Haarwurzeln erreicht hatte. Automatisch kontrollierte sie mit einer Hand ihre Frisur. Bekam sie jetzt Angst vor ihrer eigenen Courage?

Johannes war neben sie getreten und hatte natürlich sofort das Wort ergriffen. Die Freunde hingen an seinen Lippen. Sie wagte kaum zu atmen. Sie musste zuhören, Smalltalk führen, mitlachen. Aber die Aggression bahnte sich ihren Weg zurück. Sie konnte nur noch an eines denken.
»Es freut mich, dass ihr so zahlreich erschienen seid«, begann Johannes. »Ich staune, wie viele von euch Nachhilfe beim Kochen benötigen.«
Schallendes Gelächter brach aus, wenngleich auch der eine oder andere unsichere weibliche Blick ausgetauscht wurde.
»Na ja, es war ja auch Anitas Idee. Und von ihren Kochkünsten konntet ihr euch schon alle selbst überzeugen.« Bei dem Wort Kochkünsten malte er Gänsefüßchen in die Luft und legte anschließend seinen Arm um sie. Von Zärtlichkeit keine Spur. Das künstliche Gelächter der anderen klang eher peinlich berührt. Keiner wagte eine Widerrede. Johannes konnte sich alles erlauben. Verbale Entgleisungen, Beleidigungen, ja sogar vereinzelte Prügeleien. Er hatte die meiste Kohle, fuhr die teuersten Autos. Er war der heimliche Boss dieser Schickimicki Clique.

Sie versuchte vergeblich, sich aus seiner Umklammerung zu lösen. Sie hatte nicht geplant, ihn so nah ranzulassen. Ihre Gedanken fuhren Achterbahn. Hatte sie die richtige Dosis des Parfüms aufgelegt? Saßen ihre Haare noch im festen Knoten? War ihre Wimperntusche noch dort, wo sie hingehörte? Sie wusste, wie wichtig Johannes all diese Dinge waren. Und wie fehl am Platz sie sich vorkam.

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