Der Besuch beim Künstler Carsten Schlick wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.
Das Haus und der Garten, ruhig gelegen, in bergiger Region, strahlt eine gemütlich, künstlerische Atmosphäre aus.
Kunst und deren Zeichen, wohin man schaut. Der Zaun ist nicht nur einfach ein Zaun. Nein, selbst er erzählt von Geschichten und Personen aus Vergangenheit, Sagen und Familie.
Im Haus plastische Arbeiten vom Hausherrn, Tonskulpturen und Bilder von seinen Freunden. Selbst die Eingangstür hat einen mit Farbverläufen künstlerischen Touch erhalten.
Mit Holzarbeiten hat Carsten Schlicks Kunst begonnen. Wie er letztendlich zum Stein kam und woher er seine Inspirationen nimmt; oberlausitz-art hat wieder für Euch nachgefragt.
Herr Schlick, Sie sind von Beruf Elektroinstallateur.
Ist Ihre künstlerische Tätigkeit nur Hobby oder inzwischen schon mehr?
Ich glaube, als Hobby habe ich die Arbeit an Holz oder Stein nie empfunden, es war eher ein Ruf. Für mich würde ich das eher als Passion bezeichnen.
Wie hat alles begonnen?
Was waren Ihre ersten Arbeiten und welche Bedeutung sehen Sie heute darin?
Mit einer kleinen Figur aus Holz.
Die drängte sich mir auf nach dem Anschlag am 11. September 2001 auf das WTC in Amerika. Und der Rede von George W. Bush vom darauffolgenden 20.
Ich glaube, ich hatte Angst, dass die Welt aus den Fugen gerät. Wobei ich mit der Skulptur eines symbolisch durchbohrten Turmes auch den Völkermord an den Ureinwohnern Amerikas zum Ausdruck bringen wollte. Für mich noch bedeutend. Es hat sich noch kein Amerikaner umfassend bei den Natives entschuldigen können, nach wie vor werden sie von der Regierung zu wenig geschützt.
Sie haben mit Holzskulpturen begonnen.
Was brachte Sie zum Stein?
Darüber musste ich eine Weile nachdenken.
Also, mein Sehnen war das nicht. Der Respekt vor dem Alter des Materials machte mir bei fast allen Holzarbeiten das Vorankommen sehr schwer und da muss man in Jahrzehnten, bestenfalls Jahrhunderten denken und fühlen. Bei Stein… Millionen von Jahren..
Meiner Frau, meiner Tochter, meinem Sohn und einer guten Freundin, eine Keramikerin, habe ich letztlich diesen Schritt zum Stein zu verdanken. Sie haben mir immer wieder Mut gemacht und mich gedrängt, bis mich meine Frau kurzerhand bei einem Sandstein- Seminar angemeldet hat. Sie hatte mehr Vertrauen zu mir als ich. Dafür bin ich sehr dankbar. Das war der erste Schritt. Seitdem meldet sie mich jedes Jahr wieder an. Keine Angst mehr vor Millionen.
Woher nehmen Sie Ihre Ideen?
Die Ideen kommen meist blitzartig, dann muss sich irgendetwas aufgestaut haben.
Wir leben in einer Zeit großer Umbrüche, da gibt es viele Themen, die mich stark beschäftigen. Ob zwischenmenschlich, religiös oder weltpolitisch. Letztlich führt alles zurück zum Menschen und seiner Haltung. Seiner Haltung zur Schöpfung, mal ganz grob umrissen.
Oft sind Ihre Arbeiten stark orientiert an Sagen, Mythen und religiösen Einflüssen.
Was inspiriert Sie an diesen Themen?
Als Junge habe ich mich von Märchen vor der Realität beschützen lassen, ich habe unzählige Sagen und Märchen aus aller Herren Länder gelesen, ja verschlungen.
Dieser Schutz hält ja bekanntlich nicht ewig, mit der Zeit wurde ich natürlich mehr oder weniger schmerzhaft Punkt für Punkt von der Realität überzeugt.
Aber die klare Abgrenzung von „Gut“ und „Böse“ in diesen Geschichten, die sich weltweit ähneln, denke ich, hat mich schon geprägt. Und es kommen beizeiten Fragen zum Vorschein: Wofür lohnt es sich wirklich zu leben? Was sind wahre Werte? Wo findet man die Wahrheit? Im realen Leben schließlich werden unter Umständen Menschen hoch dekoriert oder/und reich belohnt für Dinge, die sie im Märchen auf direktem Weg in die Hölle führen würden. Auch weltweit.
Da bemerkt man doch, dass der Vorsatz, ein guter Mensch zu sein, ein sehr schwer umzusetzender ist. Es scheint nicht zu lohnen. Und da ist man ja auch schon bei der Religion oder den Religionen. Wenn man sich mit denen beschäftigt bzw. dort Antworten sucht auf solche Fragen wie: Warum bin ich hier? Hab’ ja schließlich nicht darum gebeten! findet man in einer jeden weltweit die gleichen Aussagen darüber, wie sich der Mensch gegenüber GOTT, der Schöpfung, und anderen Menschen zu verhalten hat. In der Bibel die Zehn Gebote. Auch ganz grob umrissen. Ein sehr, sehr weites Feld.
Arbeiten Sie nach einer angefertigten Skizze oder geht es gleich ans Material?
Äußerst selten kann ich eine Skizze anfertigen, ich bin kein guter Zeichner. Wenig ungeschultes Talent sozusagen. Nein, das ist ein Bild im Kopf, das ich auch nicht gut zeichnen könnte, wenn ich gut zeichnen könnte. Es geht: Idee, Idee mit Material abgleichen und loslegen. Das ist dann der Beginn einer wundervollen Freundschaft.
Herr Schlick, was ist Ihre persönliche Lieblingsarbeit?
Ich fürchte, diese Frage kann ich so gar nicht beantworten. Die meisten Arbeiten habe ich immer an Menschen abgegeben, die ich lieb habe. Und von denen ich natürlich weiß, dass sie die Arbeiten schätzen können. Wo ist da die Lieblingsarbeit? Auf alle Fälle nach Fertigstellung zuerst einmal immer die letzte Arbeit, die Jüngste.
Woran arbeiten Sie aktuell?
Ich habe da noch mit einer Plane abgedeckte Skulptur in Ihrem Garten gesehen.
Ja, unter der Plane sieht es tatsächlich schon aus wie eine fertige Skulptur. Das ist ein wunderschöner Marmor aus Carrara, den habe ich von meiner Familie geschenkt bekommen zum Geburtstag. Lang ersehnt, tief gefürchtet. Und es hat auch lange gedauert, zwei Winter, bis ich die Idee hatte zu diesem wunderschönen weißen Stein.
Er wird das Pendant zu einem Stück, lebensgroß, massive Eiche, schwarz, das ich in einer Zeit schaffen musste, in der mir Bertolt Brecht’s Worte aus ‚Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui‘: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“ gewissermaßen ganz real unter die Nase gerieben wurden. Jedem.
Das Stück, nun schon ein paar Jahre alt, habe ich damals „Heilfisch“ genannt. Genauso glitschig wie gefährlich. Nichts gegen den Fisch.
Den Titel für den Marmor habe ich schon, was sehr selten vorkommt: Widerstand.
Und dabei denke ich wahrscheinlich eher an Mahatma Gandhi als an Che Guevara.
In Ihrem Garten entstehen ja die meisten Ihrer Arbeiten. In Ihrem „Refugium“.
Ist es nur ein Rückzugsort für eine ungestörte Zeit oder ist er für Sie mehr?
Beides. Dieser Ort bietet mir Geborgenheit, manchmal Zuflucht, aber vor allem ist es der Ort, an dem ich immer wieder erfahre, dass der Weg das Ziel ist. Ich bin froh, manchmal sehr froh und erleichtert, wenn ich etwas zu Ende bringen kann. Aber wirkliches Glück kann ich nur während der Arbeit empfinden, auch wenn sie schwer ist oder vielleicht gerade darum.
Können Sie dort besonders kreativ sein?
Das kann ich gar nicht mal sagen. Es ist eher der Ort der Vollendung, die kleinen praktischen Probleme müssen dort natürlich geklärt werden. Teilweise auch sehr kreativ, wenn etwas schief geht zum Beispiel. Aber die zündenden Ideen sind mir immer irgendwie unterwegs gekommen.
Was hat es mit dem Sisyphus auf sich?
Der weise König Sisyphus oder Sisyphos hat ja mit seiner Gerissenheit die Götter derart beleidigt, dass sie ihm die Strafe auferlegten, einen Felsen einen steilen Berg hinauf zu schieben, der oben angekommen, auch gleich wieder hinunter rollt. Immer und immer wieder, bis in alle Ewigkeit. Der Inbegriff für sinnlose, zu keinem Ziel führende Arbeit. Sisyphusarbeit. Jeder kennt bestimmt das Gefühl, immer dasselbe und es führt scheinbar zu nichts. In der Zeit solcher Gefühle bei mir entstand der erste, der Ur- Sisyphos.
Der schiebt als Metallmännlein eine große Eisenkugel einen Holzkeil hoch. Sehr symbolisch. Die meisten Sisyphos – Darstellungen sind geprägt von gigantischer Kraft und gigantischer Anstrengung für eine noch gigantischere Aufgabe. Dann lief mir zu dem Thema Albert Camus über den Weg, der in seiner philosophischen Betrachtung Sisyphos als einen beschreibt, der wenigstens weiß, was er tut. Ab da entstanden viele `Sisyphosse`, die in unterschiedlichsten Haltungen die unterschiedlichsten Dinge die verrücktesten Berge hochwuchten mussten. Personenbezogen, für Leute, die ich kannte. Mit Augenzwinkern.
Herr Schlick, was bedeutet für Sie die Oberlausitz?
Zuerst einmal eine wunderbare Gegend, die man sich auch immer wieder bewusst betrachten und verinnerlichen muss, voller Dankbarkeit, an einem solch’ schönen Ort wohnen zu dürfen. Schließlich wohnen wir in einer Region, wo andere Urlaub machen!
Und natürlich ist es meine Heimat, ich bin hier geboren und aufgewachsen.
Aber meine Familie väterlicherseits stammt aus Ostpreußen. Mein Vater kam mit seiner Mutter und seinem Großvater 1945, nach einer Reise voller unvorstellbarer Umstände, als Kriegsflüchtling in der Oberlausitz an. Sein Vater blieb im Krieg.
Auf dieser Flucht wurde mein Vater schwer angeschossen, als Neunjähriger.
Seine zwingenden Erzählungen und Ansichten über verlorene Heimat, gewonnene Heimat und deren Wertigkeit im Leben haben diesen Begriff für mich etwas von seiner reinen hehren Unschuld verlieren lassen. Ich bin der Sohn eines Flüchtlings.
Aber natürlich liebe ich die Oberlausitz mit all ihrer Geschichte und Geschichten. Ich kenne sogar die Hymne „Oberlausitz, geliebtes Heimatland!“
Herr Schlick, vielen Dank für das interessante Gespräch.
Arbeiten in Stein: von rechts oben
Torwächter
Wo die Katzensonne lacht (2x)
Versuchung, Matth. 4
Susanne
Walter S.



