Eine Geschichtenreihe aus dem Buch: „Renate löscht. Das Licht.“
Von Manuela Bibrach
Illustration von Pètrus Akkordéon
Wenn Eddie zur Gitarre greift, wird es still. Bis Eddie den ersten Ton anschlägt. Natürlich Moll. Eddies Finger auf dem Griffbrett. Gekrümmt. Wie sein Rücken. Wenn er spielt. Wenn er sitzt. Wenn er geht. Eddie greift die Akkorde gekonnt. Den Kopf geneigt, Blick zum Boden. Die langen Haare vor dem Gesicht. Kein Blick dringt da durch. Spielt Eddie Gitarre, spreizen die Tauben vorm Fenster die Flügel. Tauben sind Eddies geduldige Zuhörer. Manchmal sitzen auch Spatzen auf dem Dach gegenüber. In der alten Platane vor dem Haus sammeln sich oft kleine Gruppen von Stadtvögeln. Sperlinge, Tauben, Amseln. Mauersegler sieht man dort nie. Sie lassen sich nicht nieder. Bleiben in der Luft. Ihr hoher Ton ist unverkennbar. Auf der Gitarre nicht zu imitieren.
Eddie mag den Sonntagmorgen, der ihn mit einem Gurren begrüßt. An den restlichen Tagen sind die vorbeifahrenden Autos zu laut, um das Ruckeducke der Ringeltauben zu hören. In den letzten Jahren hat der Verkehr stark zugenommen. Als Kind konnte Eddie das Morgengurren an jedem Tag hören. Er erinnert sich an die Schwalben in den Mauerritzen des Wohnblocks. An den Gesang der Amsel.
Eddies Gitarre stöhnt. Kann eine Gitarre stöhnen? Eigentlich wollte Eddie ein Klavier besitzen. Für ein Klavier war in der Zweiraumwohnung aber kein Platz, so blieb ihm die Wahl zwischen Geige, Flöte, Gitarre. Weil Eddie die knisternden Lagerfeuer in den Indianerfilmen mochte, entschied er sich für die Gitarre.
Er spielt aus dem Bauch heraus. Und nach Gehör. Noten mochte Eddie nie. Ihr ameisenartiges Aussehen. Ihr Gewimmel. Sich regen bringt Segen. Ohne Fleiß kein Preis. Die Sprüche von Eddies Mutter schienen ebenfalls für Ameisen gemacht. Für Eddie jedenfalls nicht.
Manchmal beobachtet er die Fußgänger auf der Straße. Vom dritten Stock aus ähneln sie Insekten. Eddie greift zur Gitarre. Versucht ein Ruckeducke. Einen Mauerseglerschrei. Ein Tschilpen. Nichts gelingt.
Eddie steht auf und geht zum Fenster. Ameisen unten, Vögel oben. Wie immer. Er geht zum Bücherregal, greift wahllos in die Fächer. Legt die gegriffenen Bücher auf den Fußboden. Stapelt sie zur Pyramide. Luft muss dazwischen sein. Aus einem der Bücher reißt er ein paar Seiten heraus und stopft sie in die Mitte des Turms. Eddies Feuerzeug klackt. Ein echtes Sturmfeuerzeug. Hatte ihm der Vater geschenkt. Bevor er gegangen war. Erinnerungsstück.
Eddie hält die fauchende Flamme an das Papier. Es zündelt. Es qualmt. Es brennt. Eddie legt nach. Bücher hat er genug.
Eddie greift zur Gitarre. Akkorde. Gekonnt. Moll. Den Kopf geneigt, Blick auf das knisternde Lagerfeuer. Indianerfilm. Die Tauben vorm Fenster spreizen die Flügel und blicken noch runder als sonst. Eine Ameise flüchtet in eine Bodenritze. Ruckeducke.
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