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„Schrecklich schön“ Teil III Schlussgeschichte aus Finkendörfel

von | 27. Dezember 2020

7 Linden Steinigtwolmsdorf

Beitrag für Oberlausitz-Art
Das Finale 2020

„Die Frau Trude erzählt uns Geistergeschichten“, schrie Rafael zu seiner Verteidigung in das Telefon, das ihm sein Halbbruder unnachgiebig ans Ohr hielt. Die Familie sah Trude an. „Wirklich?“
„Also, Trude!“
„Nu, tu doch nicht so unschuldig, Ella“, wehrte sich Trude ohne einen Anflug schlechten Gewissens. „Du bist doch die mit den gruseligsten Geschichten.“

„Die Frau Trude erzählt uns Geistergeschichten“, schrie Rafael zu seiner Verteidigung in das Telefon, das ihm sein Halbbruder unnachgiebig ans Ohr hielt. Die Familie sah Trude an. „Wirklich?“
„Also, Trude!“
„Nu, tu doch nicht so unschuldig, Ella“, wehrte sich Trude ohne einen Anflug schlechten Gewissens. „Du bist doch die mit den gruseligsten Geschichten.“
„Das will ich hören“, verkündete Paul und setzte sich demonstrativ noch im Mantel an den Tisch. Julia tat es ihm gleich. „Sag bloß, ihr hattet einen Schlossgeist im alten Gutshaus, Oma.“
„Unsinn!“ Dennoch schälte sich EllaMa aus ihrer Jacke und schickte sich an, im Ohrensessel neben Trude Platz zu nehmen. „Das war drüben beim alten Simon.“ Michael nahm sein Telefon wieder zu sich. „Dauert noch etwas“, verkündete er seinen Eltern, bevor er es sich zwischen den Kindern auf der Couch bequem machte, die EllaMa bereits an den Lippen hingen. „Von dem hat es geheißen, dass er zaubern könnte“, warf Trude ein. „Er war ein Zieh-Mann, ein Physiotherapeut würde man heute sagen“, korrigierte EllaMa. „Aber ja, ich gebe zu, er hat auch Warzen besprochen und die Leute wegen so manchem Zipperlein Rat und Kräutlein gegeben. Selbst meine Großmutter hatte sich von ihm mal wegen ihrer Heiserkeit mit Wiesenlabkraut behandeln lassen. Und die war eine überaus fromme Frau.“
„Trotzdem war der Simon unheimlich“, beharrte Trude. „Ich hab‘ mich als Kind immer vor ihm gefürchtet.“
EllaMa nickte. „Ja, das habe ich auch. – Nach seinem Tod hieß es, er geht noch um in seiner Kamurke.“
„Was ist das?“, wollte Rafael wissen. Auch die anderen schauten verständnislos.
„Das heißt, dass er als Gespenst in seiner kleinen Kammer herumgespukt hat“, erklärte EllaMa. Die Kinder waren begeistert. „Hast du ihn gesehen?“
Hier verdüsterte sich EllaMas Gesicht und sie schwieg eine Weile nachdenklich. „Habt ihr schon mal etwas so Schlimmes gemacht, dass ihr euch nicht getraut habt, es jemanden zu erzählen, nur Gott allein?“
Die Kinder erröteten. Selbst Julia und Paul blickten betroffen drein.
EllaMa nickte und holte tief Luft, so als brauche sie noch heute Mut zum Weitererzählen. „So ist es mir mal ergangen kurz nachdem der alte Simon gestorben war“, fuhr EllaMa entschlossen fort. „Ich hatte mich mit den Kleidern meiner großen Schwester angescheuselt und vor dem Spiegel im Kerzenschein feine Dame gespielt. Dabei habe ich ihr ein besonders schönes, grünes Kleid derart ruiniert, dass ich es vor ihr versteckt habe. Ich habe mich so geschämt, dass ich es niemanden erzählen konnte, nicht einmal meiner geliebten Großmutter, der ich bisher alle meine Schandtaten gebeichtet hatte. Selbst als man eines der Mädels beschuldigte, die bei uns ihr Pflichtjahr machten, habe ich geschwiegen. – Das war eine Peinigung. Es brannte mir auf der Seele und dennoch konnte ich es nicht loswerden. Wie ein Schatten folgte mir meine Schuld. Auch als meine Schwester mit ihren Freunden über die Feiertage verreiste, ohne ihr Kleid, fand ich nicht Erleichterung.“ EllaMa seufzte bei dieser Erinnerung. „In der Zeit zwischen den Jahren besuchte meine Großmutter mit mir immer einige Leute aus der Gemeinde, auch die Witwe vom alten Simon. Ich sagte euch ja schon, dass ich vor dem immer etwas Furcht hatte. Auch nach seinem Tod war das nicht anders geworden. Ich hatte schon so ein unheimliches Gefühl, als wir den dunklen Hausflur betraten. Zu der Wohnung musste man eine Holzstiege hinauf. Schon da hätte ich schwören können, es lauert etwas im Dunkel unter der Treppe. Selbst meine forsche Großmutter zögerte etwas, als wir die knarrenden Holzstufen hinaufgingen. Sie beugte sich über das Holzgeländer und blickte hinunter. Dann schüttelte sie den Kopf, wie über sich selbst und stieg weiter hinauf. Ich hatte so einen dicken Kloß im Hals, dass ich kaum Luft bekam. Nur mit Mühe konnte ich einen Fuß vor den anderen setzen. Ein Gefühl, als halte mich jemand fest, drückte und presste mich, zwang mich dazu, ganz kleine vorsichtige Bewegungen zu machen. ‚Was bummelst du denn so, Ella!‘, schimpfte meine Großmutter von oben herab. Ich konnte ihr nicht antworten. Mit großer Kraftanstrengung gelangte ich endlich bei ihr oben an. Die Witwe vom Simon erwartete uns schon. Sie war ein kleines, hohlwangiges Frauchen mit ängstlichen Augen und gehetzter Stimme. Damit bedankte sie sich überschwänglich bei meiner Großmutter, während sie mich übersah, so als wäre ich unsichtbar. Wir setzten uns an den reinlich gedeckten Tisch. Äpfel und Kekse standen da im Schein einer Kerze. Die geschnitzten Figuren der Heiligen Familie daneben. Drei Kaffeegedecke. Als ich mich jedoch an eines der Gedecke setzen wollte, schrie die kleine Frau auf. ‚Nicht! Das ist Simons Stuhl!‘ Sie hatte Panik in der Stimme. Großmutter betrachtete sie eine Weile gedankenvoll. Dann zog sie mich auf ihren Schoß. ‚War er wieder da‘ fragte sie dann die Witwe so ruhig, als fragte sie nach der Post zu Weihnachten. Da begann das Frauchen zu zittern. Sie setzte sich auf den Stuhl neben Großmutter und ergriff ihre Hand. ‚Jeden Tag, gnädige Frau! Jeden Tag, jede Nacht! Ich werde noch ganz verrückt.‘ Dann blickte sie zur Tür und verstummte in Schrecken.
Ich kuschelte mich ganz fest an Großmutter und sah vorsichtig über ihre Schulter zur Tür. Zunächst war nichts im flackernden Kerzenlicht als die tanzenden Schatten an der Wand. Doch an einer Stelle blieb da eine Lücke. So als wäre da ein Schatten im Schatten. Mir wurde eisig kalt, doch in meinem Inneren spürte ich eine Höllenhitze, so als würde gleich mein Herz platzen. Ich wollte meine Großmutter bitten zu gehen, doch ich bekam kein Wort heraus. Es schien, als würde ich mich gar nicht mehr bewegen können. Wie unter einem Zauberbann.“ EllaMa seufzte noch einmal tief, so als müsste sie diesen Albdruck noch heute abschütteln. „Simons Witwe war in Tränen ausgebrochen“, erzählte EllaMa schließlich weiter. „Sie schien schon lange auf Großmutters Besuch gewartet zu haben. ‚Er sucht mich heim, gnädige Frau! Er sucht mich heim! Ach, wenn ich doch nur …‘ Mit einem Ruck setzte mich meine Großmutter neben sich auf meine Füße. ‚Heute ist ein Tag des Gerichts‘ sagte sie dann mit fester Stimme. ‚Der Tag in den Heiligen Nächten, bei denen alte Schuld beglichen wird. Bringe es ans Licht, was noch zwischen dir und deinem Frieden steht. Jetzt hast du die Chance dazu.‘ Ich sah auf die Frau und wusste sofort, dass meine Großmutter den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Da gab es etwas. Etwas, dass jedoch nicht für meine Ohren bestimmt war. Ich wurde nach Hause geschickt. Wie durch ein Wunder konnte ich mich nun wieder bewegen. Ich stolperte befreit die Stiege hinunter und über die Straße nach Hause. Es war schon dämmrig geworden und der eisige Böhmische Wind brachte die Bäume schaurig zum Singen. Ich rannte, als sei der Teufel hinter mir her. Hinauf in mein Zimmer und unter die Bettdecke, so bekleidet wie ich war. Nur die Stiefel hatte ich fix abgestreift. Trotzdem fror ich, als wäre ich in Eiswasser getaucht, während in mir eine unvorstellbare Hitze brannte …“
„Klingt mir, als hättest du eine Grippe bekommen“, warf Paul ein. Die anderen sahen ihn böse an. Nur EllaMa lächelte. „Die bekam ich dann auch, mein lieber Paul“, bemerkte sie versöhnlich. „Doch zuvor …“ Sie hielt inne. „Zuvor war mir, als wäre ich nicht alleine in meinem Mädchenzimmer; als ginge da draußen, außerhalb meiner Betthöhle etwas vor. Etwas Böses, Feindseliges. Alle Sagen um die Heiligen Nächte fielen mir ein, wenn die Toten umgehen und die Schwarze Schar unterwegs ist, um zu reinigen und zu läutern. Ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Irgendwann warf ich die Bettdecke zurück und richtete mich auf. Mein Entsetzen kannte keine Grenzen: ich hatte den Schatten mit mir genommen. Im letzten Dämmerlicht des Wintertages stand er in der Ecke meines Zimmers vor der Kommode. Eindeutig der alte Simon. Nun war er gekommen, um auch mich für meine verborgene Sünde heimzusuchen. Ich zitterte am ganzen Leibe. Ich wollte beten, doch mir fielen keine Worte ein. Nur ein Flehen in mir um Rettung, um Heilung. Da hörte ich unten, wie Großmutter zurückkehrte. Das gab mir die Kraft, die Nachttischlampe anzuknipsen. In der Ecke meines Zimmers hing das ruinierte Kleid meiner Schwester. Mir schossen die Tränen in die Augen. Ich rappelte mich aus dem Bett und rannte zur Tür, hinaus und über den Flur und die Treppe in Strümpfen lautlos wie ein Schatten. So dass ich meine Großmutter tüchtig erschreckte, als ich ihr um den Hals fiel und schluchzend alle meine Missetat endlich gestehen konnte. Es war, als würde ein ganzes Gebirge von meinem Herzen abgetragen. Zum Schluss war ich nur noch bebende Erleichterung. Großmutter strich mir übers Haar. ‚Ist schon gut, meine Kleine. Der Herrgott schaut in unsere Herzen und liebt die Bekennenden. Heute ist die dritte Heilige Nacht. Johannes gewidmet. Das war früher ein Gerichtstag.‘ Ich löste mich von ihr. ‚Hast du das Kleid in mein Zimmer gehängt?‘ Großmutter sah mich an. ‚Welches Kleid? – Zieh dir Schuhe an, du holst dir noch sonst den Tod!‘ – Und so also endet meine kleine Geistergeschichte.“
Ihre Zuhörer atmeten hörbar durch.
„Hat sie das?“ fragte Michael. „Hat sie das Kleid da hingehängt?“
EllaMa zuckte mit den Schultern. „Das hat sie mir nie verraten“, erwiderte sie mit einem schelmischen Lächeln. „Das ist auch ganz egal. Seinen Zweck hat es auf jeden Fall erfüllt. – Und nun ab mit euch nach Hause! Es wird gleich dunkel. Neue Geschichten gibt es ein anderes Mal.“

Mit diesem Versprechen von EllaMa möchte ich mich für eine Weile von Oberlausitz-Art verabschieden mit meinen Geschichten „Neues aus Finkendörfel“. Ich schreibe gerade am 4. Fall meiner Krimi-Reihe um diese Figuren aus Finkendörfel. An meiner Stelle jedoch wird Sie gerne meine Autoren-Kollegin Jana Thiem mit ihren Geschichten erfreuen.
Bleiben Sie behütet und gesund.
Herzlich
Ihre
Sylke Hörhold
www.sylke-hoerhold.de www.lebenswege-sylke-hoerhold.de

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