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Kein bisschen. Rosa.

von | 2. Januar 2026

Eine Geschichtenreihe aus dem Buch: „Renate löscht. Das Licht.“

Von Manuela Bibrach

 

 

Illustration von Pètrus Akkordéon

 

 

 

Kein bisschen rosa, murmelt Gerlinde und fährt mit der Hand über die Tischdecke. Pusselt herum an einem Knötchen. Nicht mehr ganz neu, die Tischdecke. Gerlinde streicht eine Blusenfalte über ihrem Busen glatt. Gab’s gar nicht, früher. Nach dem Krieg. Rosa. Nicht mal Taschentücher. Geweint haben wir, als der Vater eins mitbrachte vom Schwarzmarkt. In das neue Taschentuch rein. Das war weiß. Ein bisschen fleckig, aber weiß.

Gerlinde lässt die Hand über die Tischdecke fahren. Ein Krümel wird mitgerissen und fällt zu Boden. Gerlinde leckt ihren Zeigefinger an. Bückt sich. Schnauft. Hebt den Krümel mit dem feuchten Finger an, befördert ihn ans Licht, kneift die Augen zusammen, fixiert ihn. Der Krümel ist rund und schwarz. Ein Mohnkorn. Gerlinde mag Mohnbrötchen. Mohn macht dumm, hatte der Vater gesagt und gelacht. Als Gerlinde klein war. Und immer Mond statt Mohn verstand. Und nicht verstand, warum der Mond dumm machen sollte, aber sicherheitshalber am Abend den Rücken zum Fenster drehte, wenn der Mond durch die Gardine schimmerte. Die war blau und mit einer Klöppelkante verziert.

Heute ist alles rosa, murmelt Gerlinde und schiebt die Nur-TV auf dem Tisch in eine akkurate Position. Parallel zur Tischkante. Ordnung ist das halbe Leben. Hatte die Mutter gesagt. Als Gerlinde klein war. Und sich fragte, was dann die andere Hälfte des Lebens sei. Jedenfalls nicht Unordnung. Das wäre zu einfach gewesen. Und nicht logisch. Aber vielleicht hatte sie doch zu oft den Mond angesehen und war dumm geworden. Und konnte es deshalb gar nicht verstehen.

Gerlinde atmet hörbar aus, greift nach dem Regionalblatt im Zeitungsständer. Zupft die Kauflandwerbung heraus. Blättert. Rindernacken. Einhorn-Barbie. Mädchenschlüpfer. Erdbeerquark. Rosa. Alles rosa! Kartoffeln nur 2,99. Gerlinde faltet das Prospekt zusammen und legt es auf den Tisch. Schiebt es nach rechts. Schiebt es nach links. Wischt über den Sofabezug. Ein Schnurrhaar spießt sich ein, lässt sich nicht greifen. Gerlinde fingert, schnauft. Das Haar fällt zu Boden. Gerlinde betrachtet das Schnurrhaar. Wie es am Boden liegt. Ganz still. Genau wie der Kater, denkt Gerlinde. Genau wie er dort lag, ohne Mucks. Auf seiner Decke. Erst dachte sie, dass er schläft, aber die Stille. Anders als sonst.

Gerlinde leckt ihren Zeigefinger an. Bückt sich. Schnauft. Hebt das Schnurrhaar mit dem Finger an. Legt es auf die rosa Decke neben sich auf dem Sofa. Zupft an den blonden Locken von Rosalinde. Rosalinde ist gerade aufgestanden, hatte in der Anzeige gestanden. Sie ist noch müde, aber sie lächelt. Ein aufregender Tag mit neuen Abenteuern liegt vor Rosalinde. Rosalinde hat sich schick gemacht. Der rosa Strampler mit der Blumenstickerei passt gut zu ihren blauen Augen. Rosalinde liebt Sie. Sie werden Rosalinde lieben.

Gerlinde greift der Puppe um den Bauch, zieht sie zu sich auf den Schoß. Rosalindes Daumen passt genau in Rosalindes Mund. Ein kleines Loch im Porzellangesicht. Grübchen in den Wangen.

Gerlinde nimmt die Puppenhand, steckt den Daumen in Rosalindes Mund, zieht ihn wieder heraus. Schnauft. Kein bisschen rosa, murmelt sie. Damals. Gab’s einfach nicht. Nicht mal Puppen.

Gerlinde lehnt sich zurück. Hebt die Puppe nah an ihr Gesicht. Steckt sich Rosalindes winzigen Daumen in den Mund. Sieht in Rosalindes blaue Augen. So nah. So kalt. Rosalinde lächelt.

 

https://manuela-bibrach-autorin.jimdofree.com/

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