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Eine Reise nach Rom

von | 7. August 2025

„Alle Wege führen nach Rom“, ein bekanntes historisches Sprichwort. Es soll wohl auf die Antike hinweisen, auf das Imperium Romanum und das römische Straßensystem.

Mein Rat: Bevor ihr eine Rom-Reise antretet, empfehle ich euch diese meine Geschichte,

damit euch nicht Ähnliches passiert …

 

Eine Reise nach Rom

Alles läuft pünktlich nach Plan. Abflug Berlin. Ankunft am Flughafen Ciampino. Dort steigen sie in den Leonardo-Express, der direkt am Termini Bahnhof in Rom hält. Nur fünf Gehminuten zum Hotel Andreotti. Ein Personenaufzug – Seilzug mit Holzkasten hinter Eisengittern – bringt sie in die Hoteletage nach oben. Für Eva Gruselmomente …, eingesperrt in diesen Kasten. Wie kommt man da wieder heraus? Was ist, wenn man zwischen den Stockwerken hängenbleibt?

 

 

 

Doch Tobias meint: »Wir sind jetzt in der Stadt des Heiligen Vaters, da kann uns gar nichts passieren.« Der Kasten hält, die Tür geht mit ruckartigem Quietschen auf und sie befinden sich an der Rezeption. Eine freundliche Begrüßung, kleine gemütliche Zimmer – für jedes Ehepaar empfangsbereit eingerichtet. Dass die Fenster in einen dunklen, zweideutigen Hof zeigen, findet Eva etwas gruselig. Sehr unklar, was sich unter ihnen zwischen den düsteren Mauern abspielt. Tobias stellt die Koffer auf die Ablage, wirft sich quer über die Betten, die Hände ausgestreckt und atmet tief durch: »Endlich Urlaub.«

Als sie sich frisch gemacht haben, den schweren klobigen Schlüssel in der Rezeption abgegeben haben, warten Gisa und Peter schon ungeduldig vor dem Fahrstuhl.

»Ich steige nicht mehr in diesen Kasten«, ruft Eva und läuft zum Treppenhaus. Neben ihr rattert das Eisengitter nach unten.

Die Morgensonne verströmt ihr goldenes Licht über die Häuser, deren Schatten erste Berührung mit der Straße aufnehmen. Peter entfaltet den Stadtplan und mimt den Reiseführer, führt vom Trevibrunnen zum Park Villa Borghese, zur Spanischen Treppe und zum Abendessen in ein italienisches Fischrestaurant.

Am nächsten Tag geht es zur Sixtinischen Kapelle mit Michelangelos Decke, sein Jüngstes Gericht, sowie die Fresken aus dem 16. Jahrhundert in den Raphael-Räumen werden besichtigt. Ein riesiger Komplex von Galerien, in denen einige der wichtigsten Kunstwerke Italiens ausgestellt sind.

 

Auf den Stufen vor der Basilika Santa Maria Maggiore legen Gisa und Eva eine Pause ein.

Sie lassen sich auf den Steinstufen nieder, zumal ihnen die Männer abhanden gekommen sind. Peter ist vor einem Uhren- und Schmuckgeschäft hängen geblieben, während Tobias am Najaden-Brunnen mit einem Engländer Konversation betreibt.

 

 

 

 

»Oh, hoffentlich finden die uns«, meint Eva. »Wenn nicht …, den Weg zum Hotel kennen sie ja wohl.« Sie setzen sich auf die Stufen, teilen sich eine Banane, öffnen ihre Trinkflaschen, und schauen den Tauben zu, die sich mit geblähten Hälsen ruckartig vorbeugen, um vereinzelt Brotkrümel zwischen dem Straßenpflaster zu erhaschen.

»Weißt du noch?« Gisa kramt ganz unvermittelt in Erinnerungen.

»Damals, es war neunzehnhundertneunzig, saßen wir fasziniert auf den Steinstufen vor dem Kölner Dom, schauten auf das Leben vor uns, hatten auch Bananen verkostet und den westlichen Himmel bewundert, der plötzlich auch uns gehörte.« Eva wedelt mit beiden Armen, als eine Taube auf sie zufliegt. »Ja, so etwas vergisst man nicht. Unsere erste Westreise. Wir hatten von einem renommierten Steuerbüro das Angebot erhalten, ein Steuerseminar  zu besuchen. Wir mussten geschult werden, wie das so geht, mit Steuererklärung, Umsatzsteuer, Kredit und so was.« Gisa lacht: »Tja, das war alles vom Westen gesponsert. Und wenn wir ehrlich sind, wollten wir diesen Bürokram gar nicht wissen. Wir wollten die neue schöne Welt erkunden.«

»Und jetzt haben wir unser Deutschland ausgiebig erkundet und reisen durch ganz Europa, von einem Ort zum anderen, von einem Urlaubsziel zum nächsten.«

»Tja…, und unsere Männer haben genug Geld, um im Ausland Einkäufe zu tätigen«, Gisa zeigt auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo ihre beiden Herren mit Einkaufstüten in den Händen erscheinen. Als die Männer vor ihnen stehen, ein Strahlen in ihren Gesichtern: »Wir haben ein Schnäppchen gemacht«, sagt Peter und hält eine Papiertüte in die Höhe. Tobias will sie nicht zu lange im Unklaren lassen und zieht eine hellbraune Kunstlederjacke aus seiner Tüte: »So etwas bekommt man bei uns nicht so preisgünstig«, und hält sich die Jacke vor die Brust. Die Frauen gucken sich an: »Ist das jetzt ein Scherz?«

Gisa springt auf, um sich Peters Errungenschaft anzuschauen. »Das kann doch nicht wahr sein, wo hast du das denn erstanden? Kunstlederjacke. So etwas willst du anziehen? Wann? Wo?« Eva klopft sich an die Stirn: »Was hat euch denn dazu motiviert. Sicher eine attraktive junge Dame, die mit graziösen Bewegungen Lederjacken angepriesen hat.« Peter erzählt von einem netten Herrn, der sein Auto mit Lederwaren bepackt, plötzlich neben ihnen anhielt, die Autoscheibe herunterließ  und  seine  Jacken  empfahl. »Ich wollte immer mal eine Lederjacke besitzen. Dreißig Euro. So günstig bekommst du es nie wieder. Der Verkäufer hat die Euroscheine entgegengenommen, die Jacken eingetütet, durchs Fenster gereicht, und schon waren wir glückliche Lederjackenbesitzer.«

Auf den Treppenstufen vor der heiligen Santa Maria Maggiore müssen sie feststellen, dass die Konfektionsgröße nicht der ihrigen entspricht. Zu kurz, viel zu eng und die schlammig braune Farbe macht es auch nicht besser. Eva ist entsetzt. Die Männer schauen etwas beschämt zu Boden. Dann nimmt Peter die Papiertüte, stopft die Jacken hinein, klopft Tobias kumpelhaft auf die Schulter: »Ich schaue mal kurz in diese Kirche. Die Kathedrale soll die bedeutendste unter den zahlreichen römischen Kirchen sein, so habe ich es im Reiseführer gelesen.«

Er, der Kirchenbesichtigungen gar nicht mag, betritt langsam, bedächtig das Kirchenschiff. Nach wenigen Minuten starrt Gisa ins dunkle Innere der Kathedrale, sucht mit schnellen Blicken. Am Ende der Seitenschiffe sind zwei große, mit Fresken reich geschmückte Kuppelkapellen. Sie hat Peters Gestalt entdeckt … Sieht, wie er auf einer Bank seinen Platz einnimmt, den gläubigen Katholiken spielt. Um sich zu bekreuzigen und die Hände zu falten, stellt er die Papiertüten neben sich, kniet danieder. Verharrt minutenlang. Sie sieht noch, wie er sich langsam aus andächtiger Haltung vor dem Altar erhebt.

»Puh, gruselig. Kommt weg von hier, ich ahne, was Peter vorhat«, und zieht Eva und Tobias die Stufen herunter auf die holprige Straße. An der Straßenecke neben einer Litfaßsäule bleiben sie erwartungsvoll stehen, ihre Blicke auf das Kirchenportal gerichtet:

»Die Kirche ist der Jungfrau Maria geweiht, vielleicht freut sie sich über Lederjacken – sie passen ihr sicher.« Sie amüsieren sich, während Tobias in kurzen Schritten nervös hin und her läuft. Urplötzlich ist ihnen das Lachen vergangen. Vom Seitenflügel der Kathedrale steigt Rauch auf. Ein uniformierter Security-Mann erscheint laut brüllend am Eingangsportal. Mit einem Handy am Ohr läuft er vor der Kirchentür hin und her. Im gleichen Moment ertönen Sirenen und ein Polizeiauto rast mit Blaulicht herbei. Was bedeutet das? Wo ist Peter? Vermutet man ein Bombenattentat? Eva, Gisa und Tobias verfolgen von ihrem Standort aus das Geschehen, bis ein Polizist mit den Lederjackenbeuteln am Kirchenportal erscheint und  Entwarnung gibt.

»Aber wo ist Peter? Was bedeutet der Rauch?« Gisa ist in Panik geraten: »Was ist mit ihm passiert?« Ihr Atem hetzt jedes Wort. »Er kann sich nicht einmal melden, ich habe sein Handy in der Tasche. Wir müssen zur deutschen Botschaft gehen, um alles aufzuklären.«

Hilflose  Angst  im Gesicht.  Hände  und Gedanken zittern. Sie warten nervös.

Nach einer gefühlten halben Stunde laufen sie Richtung Hotel.

Sie finden Peter in Hotelnähe vor einem romanischen Bürgerhaus in einer Reisegruppe wieder. Gisa stürzt auf ihn zu. Sie redet und redet, eine existentielle Anspannung, wie ein gereizter Nerv, der auf Berührung mit Schmerz reagiert. Peter wirkt entspannt: »Ich habe mich in den Schutz der Heiligen Madonna begeben und konnte unbemerkt durch einen Hinterausgang entkommen«, und mit einem neckenden Lächeln, das seine Augen erhellt: »Rauch? Aus dem Schornstein der Kathedrale? Ich habe keinen Rauch gesehen. Eure Phantasie ging wohl mit euch durch.«


www.christiane-schlenzig.de

 

Beitragsfotos: -kostenlos-pixabay

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