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Das Schicksal der Lindners

von | 1. März 2024

Das Haus der Lindners 1938

 

 

 

 

 

Der 13. Februar

2024

„Haben sie eine Kundenkarte und wenn nicht, kann ich ihnen eine ausstellen?“, fragt mich die freundliche Verkäuferin im Dresdner Elbepark. Ich stimme zu und fülle das entsprechende Formular dafür aus. Währenddessen erklärt mir die nette Dame, welche Nachlässe mich erwarten, wenn ich wieder mal in ihrem Geschäft meine Garderobe aufhübschen möchte und packt mir meinen neuen Anorak in eine Tüte.

Beim Eintippen meiner Daten fällt ihr auf: „Oh, sie kommen aus Jonsdorf. Das liegt doch im Zittauer Gebirge?“ Ich nicke. „Dort bin ich schon oft gewesen, da ist es sehr schön. An klaren Tagen kann ich von meiner Wohnung aus mit dem Fernglas sogar den Gipfel der Lausche erkennen. Das ist doch der höchste Berg im Zittauer Gebirge?“ Ich nicke abermals und meine Frau berichtet stolz, dass sie von der Lausche aus schon oft den Dresdner Fernsehturm mit bloßen Augen gesichtet hat.

Beim Verabschieden wünscht uns die Verkäuferin einen schönen Abend und viel Spaß, denn es sei ja Faschingsdienstag. Ich danke für die guten Wünsche und bemerke, dass der 13. Februar für mich eher ein anderer denkwürdiger Tag ist als der Faschingsdienstag. Besonders heute, da ich in Dresden bin. Die nette Verkäuferin horcht auf: „Ach ja, stimmt. Da will ich nur hoffen, dass heute alles friedlich bleibt.“ Das hoffen wir auch und verabschieden uns.

Abends im Fernsehen, sieht man Bilder von Menschenketten an der Frauenkirche und liest Friedensbotschaften auf den Plakaten. Sie erinnern an die Bombenangriffe vom Februar 1945.

Im Wesentlichen blieb alles friedlich, so der Nachrichtensprecher.

 

Juli 1979

Das Warten hat sich gelohnt. Der stellvertretende Bürgermeister unseres Ortes teilt uns mit, dass wir ein Grundstück erwerben können. Eine Wiese auf der damaligen Karl-Marx-Straße. Diese würde geteilt und so können zwei Einfamilienhäuser entstehen.

Als alle Anträge gestellt und die Formalitäten erledigt waren, rollten auch schon die Bagger an, auch bei Nachbar Klaus. Dann passierte es. Eine Baggerschaufel stieß auf etwas Hartes. Wir entdeckten ein Stück Ziegelwand, Mauerreste und Teile eines Fundamentes! Es kamen leere Flaschen, eine alte Kanne und allerlei Scherben zum Vorschein. Die Bagger mussten erst einmal ruhen, bis diese geheimnisvollen Funde geklärt wären. Das ging schnell. Man berichtete uns, dass auf dem damals noch zusammenhängenden Grundstück ein Haus stand, welches im Krieg abgebrannt sei. Im Interesse des zügigen Weiterarbeitens auf unserer Baustelle, hat mich das derzeit nicht näher interessiert.

Erst Jahre später hörte ich von den Lindners, die hier wohnten und ihrem Schicksal.

 

Februar 1945

Der zweite Weltkrieg tobte in seinen letzten Monaten vor dem endgültigem Aus des dritten Reiches.

Die Dörfer des Zittauer Gebirges, welche in keine großen Gefechte verwickelt waren, wurden vor ganz andere Herausforderungen gestellt. Flüchtlinge aus Ostpreußen, Pommern und vor allem aus Schlesien trafen täglich ein. Es wurden immer mehr. Auf den Jonsdorfer Straßen reihten sich Pferdefuhrwerke, Karren und Leiterwagen aneinander, mit ihnen ausgemergelte, hungrige und durstige Menschen, die alles verloren hatten. Auch auf dem Hof der Lindners standen Fuhrwerke. Die konnten kaum noch die Bedürfnisse der Flüchtlinge, vor allem nach Heu und Futter für die Tiere, erfüllen. Sie hätten selbst kaum genug, so viel werfe die kleine Landwirtschaft nicht ab, beteuerten die Lindners und wiesen die Fragenden ab.

Was in der Nacht des 13. Februars einige Menschen, auch die Lindners, auf die Lausche trieb, mag man nur ahnen. Einen Fußmarsch von fünf Kilometern und fast 400 Meter in die Höhe in einer bitterkalten Winternacht.

Von dort oben kann man bis nach Dresden blicken. So standen wahrscheinlich auch die Lindners inmitten der vielen Anderen und erlebten aus der Ferne den hellerleuchteten Himmel über Dresden. Nein, das war kein Gewitter, das war die Bombardierung von Elbflorenz, nur 60 km Luftlinie entfernt. Das Donnern der Einschläge hörte man verhalten, aber man hörte sie. Es schien still auf dem Gipfel der Lausche. Die Menschen schwiegen, hatten Angst, waren bedrückt, oder nur wütend. Einige befürchteten möglicherweise, dass der Angriff der Briten auf Dresden erst der Anfang der Vergeltung auf Hitlerdeutschland war. Vielleicht befand sich auch einer unter den Leuten, der überzeugt war, dass eine Geheimstaffel der Waffen-SS den Engländern in den nächsten Tagen den Marsch blasen werde und der Krieg wieder eine Wende nehme.

Irgendwann gingen die Lindners wieder nach Hause, hatten sicherlich Mitgefühl mit den Dresdnern und hofften, selbst verschont zu bleiben, denn Dresden ist ja weit.

Doch als sie an der Biegung des Lauscheweges, neben der Pension DAHEIM vorbeikamen, machten sie eine grausame Entdeckung. Ihr Haus brannte lichterloh. Der Feuerwehr gelang es nicht, den Brand zu löschen. Die Fuhrwerke auf der Straße und dem Hof waren verschwunden. Nicht nur die meisten Dresdner, sondern auch die Lindners hatten in dieser Nacht alles verloren.

Erst viele Jahre später interessierte ich mich für diese Geschichte. Aus der Nachbarschaft hörte ich, Lindners seien wohl knausrig gewesen und ein Kurzschluss an der maroden elektrischen Leitung hätte diesen Brand verursacht. Hubert meinte, das war einer der Flüchtlinge aus Rache, weil man ihm Futter für seine Tiere verwehrte. Angeblich könnten es die Polen gewesen sein, die sich auch als Kriegssieger verstanden.

Was wirklich damals zu diesem verehrenden Brand geführt hat, bleibt ein Geheimnis.

Lindners sind damals bei ihren Verwandten untergekommen, das Haus wurde nie wieder aufgebaut und es wuchs sozusagen Gras über das Ganze.

Auch wenn ich sie persönlich nicht kannte, verbindet mich ihr Schicksal mit meinem Leben, denn seit 1980 steht unser Haus auf der Wiese, wo bis zum 13.Februar 1945 die Familie Lindner zu Hause war.

Sie sahen in jener Nacht vom Gipfel der Lausche, wie das ferne Dresden brannte und ahnten nicht, wie nahe ein eigener Schicksalsschlag sein kann.

 

unser Haus seit 1980

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