Eine Geschichtenreihe aus dem Buch: „Renate löscht. Das Licht.“
Illustration von Pètrus Akkordéon
Vierunddreißig Grad im Schatten. Elsie pendelt. Zwischen Kirschbaum und Pool. Zwischen Pool und Kirschbaum. Süßkirschen. Dunkel, prall. Elsie pflückt eine Kirsche, steckt sie in den Mund, kaut. Spuckt den Kern aus. Pflückt die nächste. Kaut. Spuckt. Zufrieden. Die Kirschen füllen fest und rund den Mund. Sie platzen beim ersten Biss und geben auf einen Schlag ihren süßen Saft frei. Plopp. Elsie pflückt. Kaut. Schlendert hinüber zum Pool. Nimmt jede einzelne Stufe langsam und mit einem leichten Schreck vor der Kühle des Wassers. Als ihre Füße den Boden erreichen, steht sie still. Das Wasser geht ihr bis zur Brust, die Arme hat sie hoch erhoben. Schließlich taucht Elsie auch die Arme ins Wasser, hält die Luft an und lässt sich mit einem heftigen Ausatmen bis zum Hals ins Wasser gleiten. Der Schock ist vorbei und Elsie genießt die Kühle am ganzen Körper. Sie legt sich aufs Wasser, lässt Zehenspitzen und Hände herausragen. Tote Frau. Elsie beherrscht die Figur perfekt. Sie entspannt sich bis in die Fingerspitzen und liegt wie in einer Wolke. Vom Gesicht bleiben nur Mund, Augen und Nase über dem Wasser. In Elsies Ohren rauscht es dumpf. Sie sieht in den Himmel, verfolgt mit den Blicken ein Federwölkchen. Elsie kann ewig so treiben. Zeitlos. Sie denkt an Millais Ophelia. Dass sie jetzt genauso aussehen müsste für einen Betrachter. Nur die Blumen in den Händen fehlen. Mohn, Margeriten und Kornblumen.
Elsie ist jetzt Ophelia. Wahnsinnig geworden an der Liebe. Ins Wasser gegangen. Ertränkter Schmerz. Endlich frei. Eine Verwandte der Fische.
Plötzlich spült Wasser über ihren Mund. Elsie hebt den Kopf, verschluckt sich. Hustet. Setzt die Beine auf den Grund, geht zur Leiter. Steigt aus dem Becken. Pendelt zum Kirschbaum. Elsie pflückt eine Kirsche, steckt sie in den Mund, kaut. Spuckt den Kern aus. Pflückt die nächste. Kaut. Spuckt. Zufrieden. Denkt an das Paradies. Dass es genauso gewesen sein muss im Garten Eden. Elsie ist jetzt Eva. Die erste Frau. Aus einer Rippe geschnitzt. Verführerisch und verführbar. Äpfel, Kirschen, Schlange. Das Paradies hält kaum Überraschungen bereit. Seine Vorhersagbarkeit ist sein größtes Kapital. Und seine größte Schwäche. Langeweile. Die Eva aufheben wird.
Elsie lässt eine Kirsche in ihrem Mund platzen. Käme jetzt eine Schlange, Elsie würde ihr den Rücken kehren. Das Paradies aufgeben? Erkenntnis statt ewigen Friedens? Nicht mit ihr. Sie wäre die bessere Eva gewesen. Bedürfnislos. Sie hätte nicht einmal Adam gebraucht. Gott hätte zuerst sie erschaffen sollen, denkt Elsie. Dazu Wasser, einen Kirschbaum. Den Sündenfall hätte es dann nie gegeben. Elsie pendelt erneut zum Pool. Nimmt jede einzelne Stufe langsam und mit einem leichten Schreck vor der Kühle des Wassers. Taucht ein. Legt sich bäuchlings aufs Wasser und öffnet die Augen. Vorsichtig. Sieht einen Fisch. Erschrickt, atmet reflexhaft und erschrickt noch einmal. Elsie kann unter Wasser atmen. Wie in einem Traum. Ist jetzt eine Nymphe. Eine Najade. Sie fährt sich mit den Händen durchs Haar. Das weht im Wasser wie im Wind. Elsie taucht durch Wasserpflanzen. Phantastische Blüten. See-Anemonen. Fische. Bunt schillernd. Elsie staunt mit offenem Mund. Sieht unter sich einen Aal, einen Apfel im Maul. Wie er sich schlängelt. Elegant. Wie er herangleitet.
https://manuela-bibrach-autorin.jimdofree.com/




