Wer kennt sie nicht, die farbige oder dekorativ bedruckte Tapete an der Wand?
Oft aus Papier, Glasgewebe oder Kunststoff. Manchmal auch aus Leder oder Leinwand.
Die im 16. Jahrhundert in Europa Einzug gehaltene Wandbekleidung verschönert seitdem unseren Lebensbereich. Jeder kennt sie in der Anwendung an der Wand, am Schrank oder auch mal an einer Schachtel.
Wie aber macht man daraus ein Kunstwerk?
Anja-Christina Carstensen gibt darauf die Antwort. Aus Tapetenresten, Tapetenmustern, viel Fantasie und Kreativität fertigt sie beeindruckende Bilder.
Wie sie zu dieser Technik kam, wie sie ihre Motive wählt und was sie täglich antreibt; oberlausitz-art hat wieder für euch nachgefragt.
Frau Carstensen, Sie kommen aus dem „Hohen Norden“ Deutschlands, aus Kiel. Was hat Sie in die Oberlausitz verschlagen? Und warum Görlitz?
Genauer gesagt bin ich in Kiel geboren, dann aber ab dem vierten Lebensjahr in Nordfriesland auf einer Halbinsel aufgewachsen. In Husum habe ich mein Abitur mit den Leistungskursen Kunst und Mathematik auf einem humanistischen Gymnasium gemacht und wusste danach nur zwei Dinge sicher: Erstens, dass ich niemals Lehrerin werden möchte und zweitens, dass ich für ein Jahr in ein exotisches Land wollte. Ich ging nach Polen, blieb gut 10 Jahre und war nun schon über 25 Jahre als Dozentin in der Erwachsenenbildung tätig. Erst habe ich Deutsch als Fremdsprache unterrichtet und dann auch an verschiedenen Hochschulen Kunst und Design. Unsere Überzeugungen spielen uns eben gerne Streiche.
Ich war nach dem Studium noch ein paar Jahre im Norden, kam dann aber über einen erneuten Abstecher in Wroclaw nach Görlitz. Und mal ehrlich: Wer Görlitz kennenlernt, sieht sofort eine wunderschöne Stadt mit enorm viel kreativem Freiraum. Es sind so spannende Menschen hier, die herausragende Sachen machen. Wie kann man hier nicht gerne leben wollen? Es ist so schade, dass viele Menschen in Görlitz das nicht sehen oder Görlitz sogar schlechtreden . Es ist großartig hier und es ist das, was wir gemeinsam daraus machen.
Von 1995 bis 2002 haben Sie ein Magisterstudium der Keramik in Kunst und Design bei Prof. Irena Lipska-Zworska an der Akademia Sztuk Pieknych, Wroclaw/Polen, absolviert. Warum gerade dort?
Ich wollte ja eigentlich nur ein Jahr in Polen bleiben und vielleicht eine Bewerbungsmappe für eine deutsche Hochschule erstellen. Wroclaw hatte die Abteilung für Keramik und Glas. Als ich die einmalige Chance bekam, dort einen Studienplatz zu ergattern, wurde mir schon im ersten Semester klar, dass mir keine Hochschule in Deutschland ein so hochwertiges und breites Studium mit einer so intensiven Betreuung bieten würde. Mir war allerdings auch klar, dass das hart wird. Ich konnte kein Polnisch und ehrlich gesagt konnte ich auch künstlerisch gar nichts. Die polnischen Kommilitoninnen waren so viel besser als ich. Und mir war zudem noch klar, dass ich das würde ganz durchziehen müssen, da mir meine Leistungen in Deutschland erst mit einem Magisterabschluss anerkannt werden würden. Polens EU-Beitritt erfolgte ja erst 2004. Das war noch lange hin.
Bei unserer ersten Begegnung in Ihrem Atelier in Görlitz haben mich Ihre Tapetenschnitte fasziniert. Gleichermaßen aber auch Ihre keramischen Arbeiten. Warum widmen Sie sich jetzt ausschließlich der „Tapetenkunst“? Und wie kam es überhaupt dazu?
Das ist eigentlich eine ziemlich tragische Geschichte. Nach meiner Rückkehr nach Norddeutschland habe ich mich als junge Keramikbildhauerin erste einmal hart durchbeißen müssen. Ich kannte weder die deutschen Gepflogenheiten der Branche, noch wurden Künstler ähnlich respektvoll behandelt wie in Polen. Es brauchte also ein paar Jahre sehr harter Arbeit, um mir in meiner Umgebung einen Namen zu machen, mich abzugrenzen, sichtbar zu werden und die ersten Durchbrüche zu erkämpfen. Es gelang mir, doch leider ließ ich mich auf eine Partnerschaft mit einem gemeinsamen Atelier ein. Das Ende der Geschichte waren die Scherben von 12 Jahren Werk und das abrupte Ende meiner künstlerischen Existenz.
Danach verließ ich den Norden. Ich war wie erschlagen und ich brauchte so einige Jahre und ein paar Versuche, um wieder in eine kreative Leichtigkeit zu kommen. Nun hatte ich mir noch die Bandscheiben beschädigt und daher ist mir die Bildhauerei nicht mehr vergönnt. Der Tapetenschnitt ist ein Weg, mich bildhauerisch der Malerei zu nähern. Die Mosaike, die ich vorher gemacht habe, ähneln sich in der Herangehensweise.
Was ist für Sie das Besondere am Tapetenschnitt? Was inspiriert Sie an diesem Material?
Mit dem Tapetenschnitt habe ich schon ziemlich lange geliebäugelt. Wenn man in Görlitz in die verlassenen Gründerzeithäuser kommt, sind es oftmals die vielen Schichten von Tapeten, die Zeugnis über den Geist ehemaliger Bewohner geben. Das wirkt so zauberhaft und verwunschen. Es ist doch immer das Sonderbare, das einen Menschen ausmacht und das Einzigartige an ihm erkennen lässt. Und dennoch ist Tapete etwas so Beliebiges, gar Banales, ein dekoratives Massenprodukt. Es fasziniert mich, mich an den Moment heranzutasten, in dem das Banale zum Bedeutsamen wird, entsprechend dem Moment, in dem Kitsch und Kunst sich berühren.
Was sind Ihre Lieblingsmotive?
Ganz eindeutig Akte und Fische
Wie kommen Sie gerade auf DAS Motiv und was inspiriert Sie bei der kreativen Umsetzung?
Der Akt, besonders der weibliche Akt, ist für mich der Inbegriff von Verletzbarkeit. Also Schutzlosigkeit und Purismus, Echtheit, Ehrlichkeit und Authentizität. Nacktheit kann nichts verstecken. Der Fisch als Symbol des Meeres bedeutet für mich die unendliche Leichtigkeit, Freiheit und zugleich Tiefe und intellektuelle Geborgenheit. Es entspricht meiner Sehnsucht nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit.
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Sie haben in Ihrer Heimat, in Norddeutschland, viel ehrenamtliche Tätigkeit geleistet. Werden Sie dem von Görlitz aus noch gerecht oder haben Sie ein neues, östliches Betätigungsfeld gefunden?
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der alle Generationen ein großes Ehrenamt lebten. Es gibt bei uns drei Bundesdienstkreuzträger. Beiden Großeltern mütterlicherseits wurde eins für ihr Lebenswerk verliehen, meine Mutter hätte es auch verdient. Das prägt. Daher versuche ich mich natürlich auch nach meinen Möglichkeiten für das Gemeinwohl einzubringen. Das tue ich nun hier in Görlitz. Unter anderem bin ich als sachkundige Bürgerin im Kulturausschuss der Stadt. Ich engagiere mich zudem für Frauenrechte und die Sichtbarkeit von Ungleichbehandlung. Durch meine Erfahrungen als erste ausländische Studentin an der Kunstakademie in Wroclaw habe ich erlebt, wie hart es sein kann, abgestempelt und auf die Herkunft reduziert zu werden. Es gab ein paar Dozenten, die mich sehr deutlich haben spüren lassen, dass ich als Deutsche in ihrer Vorlesung nicht willkommen bin. Wenn auch das Gute absolut überwog, war das für mich am Anfang wirklich brutal hart. Man kann sich nicht integrieren, wenn man nicht abgeholt wird oder sogar ausgeschlossen wird. Da ist man chancenlos. Dennoch liegt es in der Natur des Menschen, sich sinnstiftend und wirkungsvoll in eine Gemeinschaft einbringen zu wollen. Aber auch in Görlitz gibt es einzelne Menschen, die mir nach 15 Jahren bezogen auf meine westdeutsche Herkunft absprechen wollen, hier mitreden zu dürfen. Das ist natürlich Blödsinn. Jeder Mensch, der kommt, bringt etwas Gutes mit, von dem alle profitieren können.
Was bedeutet Ihnen die Vermittlung von Kunst und was empfehlen Sie jungen Künstlern am Anfang ihrer Karriere?
Eingangs sagte ich ja, dass ich mir zum Abitur schwor, niemals Lehrerin zu werden. Mittlerweile liebe ich den Beruf der Dozentin. Es ist so erfüllend zu sehen, wie Menschen sich selbst erkennen, ihre Möglichkeiten erkennen und lernen, sie zu erweitern. Ich sehe mich hierbei nicht als Belehrenden, viel mehr als Trainerin oder Begleitung in der persönlichen Entwicklung. Meine Aufgabe ist es ein Angebot zu machen und dabei den Raum zu schaffen, der es Teilnehmerinnen ermöglicht die eigenen Grenzen zu überwinden. Manchmal bedarf es der liebevollen Provokation, um jemanden aus der Komfortzone zu locken, manchmal viel Humor, auf jeden Fall einer Klarheit und stabilen Hand, um Menschen aus der eigenen Feigheit zu holen.
Was ich empfehle, ist also Mut. Klingt super einfach und ist unendlich schwer. Aber in der Kunst beginnt alles mit Mut. Was so schwer ist, ist, dass die Kunst uns eine andauernde und ungnädige Selbstreflexion abverlangt. Wenn ich nicht weiß, wer ich bin, kann ich mich nicht ausdrücken, dann bin ich Abklatsch eines anderen, erzähle fremde Geschichten, rezitiere. Erst wenn ich mich in meiner Arbeit reflektiere und tief in mich selbst vordringe, entdecke ich die Welten, die mich frei machen und die meiner Arbeit Authentizität, Tiefe und Bedeutsamkeit verleihen, den Eigensinn und die Verbindung zu etwas weit Höherem, Wahrhaftigem.
Eine meiner Professorinnen, Frau Professor Cybinska, sagte einmal zu uns Studentinnen: „Nur, weil Sie dann das Studium abgeschlossen haben und sich Künstlerinnen nennen dürfen*, bedeutet das nicht, dass alles, was Sie tun, Kunst ist. Sein Sie dankbar für die große Gnade, sollte aus Ihren Händen einmal ein bedeutsames Werk entstehen.“ Demut ist eine wichtige Haltung in der Kunst. Sie bedingt den Mut.
[Die Bezeichnung als Künstler war bis zum Bologna-Vertrag in Polen geschützt und Akademikern ab dem Magister vorbehalten.]
Was bedeuten Ihnen die Kurse und Gestaltungsnachmittage mit Kindern und Erwachsenen in Ihrem Atelier/Geschäft in Görlitz?
Nachmittage mit Kindern sind eine Ausnahme. Mir geht es bei einem Angebot für Kinder – wie zuletzt bei dem offenen Atelier zu Pfingsten – mehr darum, die begleitenden Erwachsenen zu inspirieren, das übliche DIN-A3-Format, Tuschkasten und Buntstifte zu überwinden. Ich habe anfänglich im Rahmen der künstlerischen Workshops für Lehrerinnen und Erzieherinnen, die Ulf Großmann damals über den Kulturraum Görlitz anbot, Erwachsene angeleitet, ihre Scheu vor großen Formaten und Farbflecken in Klamotten zu überwinden. Ich muss erst den Erwachsenen klar machen, dass es erlaubt ist, den Rahmen zu sprengen, damit sie Kindern den Genuss dieser Freiheit bieten. Wenn wir Kindern diese Freiheit nicht vermitteln, die der eigene Kopf zu denken vermag, dann werden sie als Erwachsene nicht verstehen, dass sie selbst die Schöpfer ihrer eigenen Welt sind.
Mein zentrales Angebot zielt daher auf Erwachsene, die Lust haben, ihren kreativen Raum zu erweitern, die sich schon auf den Weg gemacht haben und merken, dass dieser nicht konstant und der nächste Schritt nicht einfach ist. Auf Künstlerinnen, die straucheln und nicht weiterkommen. Auf Menschen, die ahnen, dass mehr in ihnen steckt, und jemanden brauchen, der die nächsten Schritte begleitet, um weiterzukommen . Durch meine zahlreichen systemischen Ausbildungen kann ich einen geschützten Raum bieten, in dem auch große Emotionen willkommen sind und aufgefangen werden.
Frau Carstensen, Sie haben sich mit Keramik, Bildhauerei und jetzt mit Tapetenschnitt beschäftigt. Wenn Sie auf Ihre künstlerische Tätigkeit zurückblicken, was hat Sie am meisten gefordert und was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?
Die Anfänge im Norden haben mich am härtesten gefordert. Es war nach den Jahren im außereuropäischen Ausland erstmal schwer ins System zurück zu kommen. Daher wohnte ich in einem Keller, ging Putzen, zahlte meine Miete mit Werken und sparte mir Ton und Glasuren vom Mund ab. Ständig hörte ich den Spruch: „Kunst kunn ick ock: Kunst mi mol an´n Mors klein.“ (Plattdeutsch: Kunst kann ich auch, du kannst mich mal am Arsch lecken.) Oder man machte mir klar, dass ich ja nichts „Ordentliches“ gelernt hätte und man davon nicht leben könne.
Das war wirklich eine harte Zeit, aber es macht natürlich stolz, wenn man es trotz der schweren Voraussetzungen und der ständigen Demotivation dann geschafft hat, von den eigenen Arbeiten zu leben.
Den größten Spaß hatte ich allerdings in meiner Diplomverteidigung. Ich war recht frech und hatte mich mit dem neuen Dekan angelegt. Der kannte mich vorher noch nicht, und da mir Hierarchien immer sehr egal waren, war er über meine direkte Art nicht sehr amüsiert. In Polen galt: Hinnehmen und schweigen, wenn ein Professor etwas sagte. In meiner Natur liegt da eher die Widerrede. Das konnte ich mir auch nur leisten, weil ich mittlerweile ahnte, dass meine Arbeiten recht gut waren. In der Verteidigung zu meinem Diplom entstand daher eine ausgesprochen lebendige und faire Diskussion auf Augenhöhe. Letztendlich wurde ich mit einer Sonderauszeichnung der Akademie belohnt.
Diese Art von Auseinandersetzung macht mir immer wieder Spaß. Der Diskurs, das Argument, von dem alle Seiten lernen, inspiriert sind und das alle ein Stück weiterbringt. Das ist auch etwas, was ich meinen Schülerinnen und Studentinnen vermitteln möchte. Den Spaß an der Auseinandersetzung.
Sie haben weltweit an Ausstellungen teilgenommen oder Personalausstellungen durchgeführt. Was war Ihr größtes, schönstes Erlebnis? Auf welche Ausstellung sind Sie besonders stolz?
Die wiederholte Teilnahme an der NORDART mit meinen Keramikarbeiten war damals schon eine große Auszeichnung für mich. Schließlich ist sie das größte internationale Kunstfestival zwischen Kassel und Kopenhagen. Und auch die Anfrage zur Ausstellung in Südkorea im letzten Jahr war für mich etwas Besonderes, da ich ja gerade erst mit dem Tapetenschnitt begonnen hatte.
Welches ist Ihr nächstes Projekt?
Jetzt, wo ich die Tapeten in der Schnitttechnik durchdrungen habe, möchte ich einen Fokus auf das legen, was hinter den Tapeten passiert. Ich möchte eine Serie zum Thema häusliche Gewalt machen. Es soll so leise werden wie das Schweigen der Opfer und dennoch in seinem vollen Drama da sein. Bilder für den zweiten Blick, sozusagen. Es ist einfach grell, laut und offensiv zu sein. Die Herausforderung liegt darin, das stille Leiden abzubilden.
Vor vielen Jahren hatte ich die Ehre in einer kleinen Gesprächsrunde mit norddeutschen Künstlern beizuwohnen, in der der wunderbare Lyriker und Schriftsteller Günter Kunert es im Wesentlichen auf den Punkt brachte: Die Aufgabe des Künstlers sei es außerhalb der Gesellschaft zu stehen und dieser den Spiegel vorzuhalten. Ich halte das für dringender denn je und dem möchte ich mich nun endlich wieder widmen.
Frau Carstensen, vielen Dank für das Gespräch.
Kontakt: Anja-Christina Carstensen, ancca@ancca.com
Fotos: Eigentum Carstensen



