Eine Geschichtenreihe aus dem Buch: „Renate löscht. Das Licht.“
Von Manuela Bibrach
Illustration von Pètrus Akkordéon
Maslow. Im Ernst.
Ernst hatte das Ruder herumgerissen. Es allen zeigen. Nie getraut, aber jetzt! Hat reinen Tisch gemacht. Job, Freunde, Ehe. Den Arsch voller Tränen, aber fette Rosinen im Kopf, hatte seine Frau gesagt. You’re a Loser, Baby, hatte ein Freund gelacht und Pizza gekaut. Zum Aufsteigen haben Sie nicht die richtigen Schuhe an, hatte der Chef gewitzelt und sich in den Sessel gefläzt. Gehen Sie zurück zu Feld eins, stand in der Spielanleitung bei der grün markierten sechsunddreißig, auf die Ernst sich gewürfelt hatte und plötzlich kapierte: Alles auf Anfang! Ernst, der Drachenbaum, der wächst, indem er die unteren Blätter abwirft. Oben kommen bessere nach. Neue Triebe, neues Leben. Studieren vielleicht? Oder kreativ! Naive Malerei? Auf jeden Fall berühmt. Prominent. Ernst hatte investiert. Geld, Zeit, Nerven. Vor allem Nerven. Lagen bald blank. Doch wer hoch hinaus will, muss leiden. Dachte Ernst. Und später dann happy. Von oben herabsehen. Endlich Spitze. Maslowsche Bedürfnispyramide. Die Basis muss stimmen – Nahrung, Sicherheit, Soziales. An der Spitze, wenn die Pyramide steht, Selbstverwirklichung. Ernst hatte gelernt. Dass man sich nicht umdrehen darf. Dass man immer weitergehen muss. Augen zu und durch.
Wenn man Drachenbäume zu oft gießt, gehen sie ein. Wurzeln faulen. Blätter fallen. Nicht nur die unteren. Hatte Ernst erst erkannt, als das letzte Blatt schon lose war. Schob oben nichts mehr nach, grüner und besser. Was blieb, waren versumpfte Erde und knorpelige Stängel. Biomüll.
Ernst kocht Kaffee. Gibt Sahne rein, zwölf Prozent. Wer hat, der hat. Wenn das Telefon klingelt, checkt Ernst die Rufnummer und gibt sie bei Google ein. Vielleicht die Zeitung? Ein Produzent? Ein Mäzen? Meist wollen ihm nur Callcenter mit rhetorischen Tricks an die Tasche. Mehr Strom für weniger Geld. Ergo Direkt. Hubschrauberrettung. Tiere in Not.
Ernst war selber mal ein Tier in Not. Ein dürftiger Gaul im Angorapullover. Eigentlich sollte er im Kindergarten den Froschkönig spielen, doch weil er so schüchtern war, ihm die Worte wie Bauklötze im Mund lagen, musste er raus aus dem Brunnen. Bekam die stumme Rolle: Pferd. Mit weißer Strumpfhose und Federbüschel am Kopf. Am Ende des Märchens zog er die Kutsche mit dem glücklichen Paar, Prinz und Prinzessin mit Perücke und Krönchen. Zwei-Minuten-Auftritt mit Getrappel und gesenktem Blick. Kutscher Heinrich sprangen die eisernen Bande vom Herzen, denn sein Herr war vom bösen Zauber befreit. Ernst sprang auch. Vor dem Blick seiner Mutter bei der Aufführung. Die Eltern in großem Rund im Speiseraum. Vom Froschkönig zum Strumpfhosen-Schimmel. Die goldene Kugel. Die Prinzessin. So schön, dass die Sonne. So traurig, dass es einen Stein. Ernst sammelt Froschkönige. Auf Tassen, als Nippes, aus Plüsch. Um sich zu beweisen, dass er es kann. Positiv denken. Chancen nutzen. Treppchen putzen.
Ernst hat es geschafft. Er klebt am Märchenhimmel und schaut nach unten. Alles unscharf und weit weg. Von der Spitze der Pyramide aus. Aber happy. Die Basis muss stehen. Ernst wiehert: Selbstverwirklichung.
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