Freiheit. Unter Wasser.
Eine Geschichtenreihe aus dem Buch: „Renate löscht. Das Licht.“

Von Manuela Bibrach
Illustration von Pètrus Akkordéon
Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer. Merit liegt auf dem Bett, liest, bewegt dabei die Lippen. Vor der Tür Schritte. Die sich nähern. Die sich entfernen.
Auf die Einbettkajüte hatte Merit lange gespart. Kapitän Nemo konnte durch die gläsernen Augen der Nautilus den Meeresboden betrachten. Bizarre bunte Fische überall. Durch das Bullauge in Merits Kabine scheint Tageslicht. Trübe. Merit steckt sich einen Lakritzfisch in den Mund. Kaut sorgfältig. Liest. Greift zur Vollmilch-Nuss. Lutscht langsam. Zerbeißt eine Nuss. Liest.
Merit liebt das Meer. Als Schulmädchen hatte sie den Amphibienmenschen gesehen. Eine Woche lang war sie jeden Tag ins Ferienkino gegangen. Zwanzig Pfennig Eintritt, fünf Pfennig Kulturbeitrag. Sieben Tage lang wurde sie eins mit Ichthyander, dem scheuen Sonderling, der unter Wasser atmen konnte. Mit Kiemen! Sein Vater, ein Wissenschaftler, hatte sie dem lungenkranken Sohn implantiert. Die Utopie einer Unterwasserwelt vor Augen, in der die Menschen in Frieden leben. Ichthyander verliebte sich, geriet in irdische Wirren, wurde in einem Wasserfass eingesperrt. Hatte verkümmerte Lungen, als man ihn endlich befreite. Sieben Mal sah Merit ihren Helden in seinem silbernen, schuppigen Anzug für immer im Meer verschwinden. Sieben Mal sah sie ihn fast ersticken und später im Wasser, die Kiemen benetzt, wieder zu sich kommen.
Merit steckt sich einen Lakritzfisch in den Mund und tritt ans Bullauge. Betrachtet die blassen Wolken über dem Meer, unter dessen Oberfläche sich tummelt, wovon Merit träumt. Vor der Kabinentür wieder Schritte. Die Passagiere sammeln sich zum Dinner im Speisesaal. Großes Buffet, Türme von Speisen. Vor denen Pärchen flanieren und köstliche Trauben von den Silbertellern zupfen. Stellt Merit sich vor. Berge von Broten und Würsten neben goldenen Kandelabern. Exotische Früchte. Überfluss.
Merit legt sich wieder aufs Bett. Greift zur Vollmilch-Nuss und gratuliert Kapitän Nemo zu seinem guten Geschmack, die Auswahl der Besatzung betreffend. Auch er ein Phantast. Leben im Wasser. Freiheit unter Wellen.
Merit liest. Merit kaut. Vor der Tür kehrt Ruhe ein. Hinter dem Bullauge dämmert es. Merit steht auf. Knipst das Licht an. Blinzelt zum Fenster. Erschrickt. Eine silberschuppige Hand gleitet von außen über das Bullauge. Tastet nach der Rundung. Rutscht ab. Merit schreit. Ganz kurz. Ein Quieken nur. Die Lakritzfische zucken mit den Flossen.
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