Eine Geschichtenreihe aus dem Buch: "Renate löscht. Das Licht."
Von Manuela Bibrach
Illustration von Pètrus Akkordéon
Zwei rechts, zwei links, drei verdreht, fünf versenkt. Heidis Blick ist auf das Strickzeug geheftet, die Hände bewegen geschickt die Nadeln. Heidi murmelt, zählt Maschen, die sich zu einem kleinen Pullover formen. Rotes Mittelteil, rosa Ärmel. Der Pullover soll das Enkelchen wärmen. Heidi ist sicher, dass es ein Mädchen wird. Bald wird man es am Bauch der Schwiegertochter erkennen können. Wenn der Bauch rund ist, wird es ein Mädchen, ist er spitz, ein Junge. Oder umgekehrt? Jedenfalls hat Heidi das im Gespür. Jetzt schon.
Zwei links, zwei rechts, eine fallen gelassen. Heidis Zunge huscht über ihre Lippen, von rechts nach links. Sie fummelt die fallengelassene Masche wieder hoch und zählt. Während ihre Hände emsig weiterstricken, lässt Heidi ihre Gedanken spazieren gehen. Zum Schlittenfahren mit ihrem blonden Engel. Goldköpfchen. Gelblöckchen. Alle in der Familie sind blond. Heidi wird rote Haarschleifen kaufen und Zöpfe flechten. Sie wird Erdbeermilch zubereiten und Puppenkleider stricken. Im Sommer werden sie baden gehen, im Öffentlichen auf der Nebenstraße. Dort gibt es eine lange Rutsche und einen Kiosk, an dem Heidi ihrem Schatz Eis kaufen wird.
Heidis Hände verheddern sich kurz, als sie über einen Namen für das Enkelkind nachdenkt. Sie fände es gut und wichtig, wenn dabei auch die Vorfahren bedacht würden. Zum Beispiel Ida, ihre Großmutter. Dieser Name passt heute wieder. Kurz und knackig. Bodenständig. Sie könnte auch einen Doppelnamen bekommen. Ida Marie. Ida Sophie. Ida Marlene.
Heidis Zunge huscht über ihre Lippen, von rechts nach links. Die Vorfreude macht ihr Appetit. Pudding wird sie kochen für Ida Marie Sophie.
Sie weiß noch nicht lange von der bevorstehenden Freude. Erst letzte Woche hatte ihr Sohn augenzwinkernd von einer Überraschung gesprochen. Heidi hatte sofort Bescheid gewusst. Dabei hieß es zuerst, ihre Schwiegertochter sei unfruchtbar. Wahrscheinlich ein Irrtum. Sowas kommt vor. Seitdem ist Heidi voller Vorfreude. Vielleicht kann sie den alten Kinderwagen auf dem Dachboden wieder frisch machen. Den mit den hohen Rädern. Die Eltern können Geld sparen und der Wagen macht etwas her. Gleich morgen wird sie hochsteigen und schauen, was zu tun ist. Zwei rechts, zwei links, drei verdreht, fünf versenkt. Der Pullover wächst langsam, aber schnell genug. Es sind sicher noch mindestens sieben Monate Zeit. Das schließt Heidi aus dem flachen Bauch der Schwiegertochter. Bis dahin hat Heidi eine rosarote Ausstattung fertiggestellt. Heidi denkt an die Kinderbücher auf dem Speicher. Sie wird Ida Marlene alles vorlesen, was sie selbst als kleines Mädchen gern hörte: Dornröschen, Froschkönig, Aschenbrödel, Rotkäppchen.
Heidis Zunge huscht über ihre Lippen, von rechts nach links. Rotkäppchen mochte Heidi als Kind am liebsten. Kuchen und Wein. Blumen und Wolf. Wie zwei Menschen in den Bauch des grauen Ungeheuers gepasst haben, darüber hat sie gestaunt. Und dass sie unversehrt wieder herausgeschnitten wurden. Auch Ida Maria Sophie wird darüber staunen. So viel ist sicher.
Heidi hat gerade wieder eine Reihe ihres Strickwerks beendet, als es an der Tür klingelt. Sie schaut erstaunt auf die Uhr. Vielleicht die Nachbarin? Heidi legt den angefangenen Pullover zur Seite, stemmt sich im Sessel hoch, kommt auf die Füße. Tappt zur Tür. Lugt durch den Spion. Stockt. Öffnet.
Ihr Sohn, ihre Schwiegertochter. Der Sohn hält einen kleinen Jungen an der Hand. Schiebt ihn Heidi entgegen. Sag Hallo zu Oma, Bono. Heidi steht starr. Bono tritt einen Schritt vor, streckt Heidi seine Hand entgegen. Schwarze Krause auf dem Kopf, große dunkle Augen, Rotz an der Nase.
Langsam lichtet sich der rosa Nebel in Heidis Kopf. Gleitet ihre Hand in die Tasche ihres Hauskleides. Holt ein Schnupftuch heraus.
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