Gitti. Verzaubert.

von Manuela Bibrach | 4. Oktober 2026

 

Eine Geschichtenreihe aus dem Buch: "Renate löscht. Das Licht."

 Von Manuela Bibrach

 

 

Illustration von Pètrus Akkordéon

Gitti knipst mit rot lackierten Nägeln ein vertrocknetes Blatt vom Eisenhut und lässt es in ihren Eimer fallen. Das hölzerne Graspfeifchen hängt Gitti locker zwischen den Lippen. Gitti hat sie alle um sich versammelt – die Schönsten im Lande: leuchtend blauen Eisenhut, rot blühende Aronstäbe, filigrane Engelstrompeten, violetten Fingerhut, die krokusartige Herbstzeitlose, den unscheinbaren Stechapfel, die schwarzen Früchte der Tollkirsche, sanft nickenden Goldmohn, zarte Maiglöckchen. Sie besucht ihre Lieblinge jeden Tag um dieselbe Zeit. Spricht mit ihnen. Flüstert. Kichert. Gießt, rupft und grubbert.

Ihr Garten ist Gittis Refugium. In letzter Zeit verirrt sich nur noch selten eine Nachbarkatze in Gittis Reich. Das Rotschwänzchen in den Zweigen des Pfaffenhütchens bleibt ungestört. Die Amsel findet in den lockeren Beeten reichlich Gewürm. Ein Taubenpärchen turtelt auf den oberen, herausragenden Zweigen der Hängebirke. Gitti summt das Lied vom Tambourinman, die Blätter der Tollkirsche rascheln. Die Beeren sind reif, morgen wird Gitti ernten.

Angefangen hatte alles mit Nachbars Lumpi. Gittis Gehör ist empfindlich. Und Hunde kann sie nicht ausstehen. Unterwürfig, hechelnd, laut. Lumpi hatte schon die besten Jahre überschritten, als er eines Tages nach einem kurzen Besuch in Gittis Garten dahinschied. Er musste aus der Tür gehuscht sein, als der Nachbar sie öffnete. Von Gitti erhoffte er sich ein paar Brocken Herzhaftes. Die er bekam. Lumpi musste nicht leiden.

Später hatte Gitti Katzen aus den Häusern der Siedlung angelockt. Miezmiezmiez, kittikittikitti, miaumiaumiau. Drei waren gekommen, eine nach der anderen. Das einohrige Mohrle von Schneiders, der räudige Pascha von Schmidts, die divenhafte Lulu von Martens.

Gitti hat den grünen Daumen. Ihre Pflanzen blühen üppig, die Beete gehen nahtlos ineinander über. In Gittis Küche stapeln sich gefüllte Gläser auf den Regalen. Stehen übereinander und nebeneinander, sorgfältig etikettiert mit Inhalt und Erntezeitpunkt. Nichts darf durcheinanderkommen. Die Feinwaage hat sie von der Tante geerbt. In einem Schrank stehen Gläser mit farblosen und öligen Flüssigkeiten. Auf einem Tisch Apparaturen. Wie in einem Laboratorium.

Gitti summt das Lied von der Nacht, in der der Mensch nicht gern allein ist, während sie zupft, schnibbelt, mörsert. Manchmal kommen junge Leute. Gehen durch die Gartenpforte und betreten Gittis Paradies. Tuscheln, lachen. Finden den Weg nach draußen allein. Ein knisterndes Tütchen in der Tasche. Gitti hat die bunten Bilder selbst gesehen. Wunderschön. Betörend. Die Samen des Stechapfels sind zuckersüß, wenn sie unreif sind. Und zauberhaft, denkt Gitti. Verzaubernd.

Und dann, irgendwann, schließlich Helmut. Auch er war verzaubert gewesen. Von Gitti. Alles war sehr schnell gegangen. Ein Kuss, ein Versprechen, eine Hochzeit. Ein paar glückliche, dann langsam abflauende Jahre später zauberte Helmut Irma aus dem Hut. Nicht überraschend für Gitti. Aber verletzend. Sie trennten sich gütlich, und Gitti erreichte, dass Helmut - der alten Zeiten wegen - ab und zu zum Tee vorbeikam. Die Übelkeit nach seinen Besuchen bei Gitti schob Helmut auf eine unerkannte Allergie, das Schwindelgefühl auf sein schlechtes Gewissen.

Zur Bestattung war Irma nicht gekommen. Gitti summt das Lied vom weißen Kaninchen, das Pfeifchen zwischen ihren schmalen Lippen zittert im Takt. Der Goldmohn wiegt sich im Wind.

 

​https://manuela-bibrach-autorin.jimdofree.com/

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