Eine Geschichtenreihe aus dem Buch: "Renate löscht. Das Licht."
Illustration von Pètrus Akkordéon
An den Abenden dreht Krüll seine gewohnte Runde durchs Dorf. Bevor er geht, stopft er seine Pfeife. Vanille ist sein Lieblingstabak. Die Pfeife ist Krülls stille, dampfende Begleiterin. Krüll geht immer um dieselbe Zeit immer die gleiche Runde. Aus der Hauseinfahrt nach rechts abbiegend und von links zurückkommend. Die Runde ist klein, aber sie bietet ihm ausreichend Unterhaltung. Krüll sieht durch die vorhanglosen Fenster in die erleuchteten Räume hinein. Spitzt, schmult, schmunzelt. Hoffmanns wie immer vorm Bildschirm, auf der Fensterbank die obligatorischen drei Alpenveilchen in voller Blüte. Krüll staunt jedes Mal, wie Hoffmanns es fertigbringen, ihre Alpenveilchen ständig am Blühen zu halten. Kann sein, dass Hoffmanns sie durch neue, frisch blühende ersetzen, sobald die alten verwelkt sind. So genau kann Krüll die Veilchen dann doch nicht erkennen, dass er den Unterschied bemerken würde.
Bei Hoffmanns jedenfalls die Tagesschau. Flackernd. Bei Tildens wohlige Düfte aus dem Küchenfenster. Krüll verharrt kurz, schnuppert. Tildens braten oft mit Zwiebel und Knoblauch. Krüll schluckt den Speichel, der ihm im Mund zusammengelaufen ist, entschlossen hinunter und zieht an seiner Pfeife. Vanille. Kein Steak, keine Zwiebel für Krüll.
Ein paar Meter weiter lächelt ihm der abgeschabte Gartenzwerg der Winters erwartungsfroh entgegen. Krüll nickt ihm zu und entspannt sich. Es ist gut, alles an seinem angestammten Platz zu wissen. Zumal, wenn man so alt ist wie Krüll, so eingeboren ins Dorf. Winters Fenster ist zur Hälfte von einer Jalousie bedeckt. Durch den unteren Spalt kann man sehen, wie der Herr des Hauses erschlafft im Sessel sitzt und an die Decke starrt. Manchmal lehnt Herr Winter aber auch mit beiden Ellenbogen auf dem Fensterbrett und sieht hinaus. An solchen Abenden kann es passieren, dass Krüll und Winter einen Plausch halten. Von Fenster zu Dorfstraße. Von Dorfstraße zu Fenster. Danach seufzen beide und Krüll stochert ein bisschen in seiner Pfeife. Bevor er weitergeht.
Bei Brieselangs steht ein Auto in der Einfahrt. Auswärtiges Kennzeichen. Der Sohn zu Besuch. Krüll lugt zum Fenster hinein. Sieht keinen. Guckt auf die Straße. Schupft mit dem Fuß ein Steinchen zur Seite. Schnauft. Lugt noch einmal.
Brieselangs Hanne war Krülls Jugendliebe. Die begehrteste Dorfschönheit. Jeder wollte sie, Krüll bekam sie. Zumindest einen seligen Sommer lang. Badesee, Vanilleeis.
Jetzt trägt sie meist Kittelschürze, darunter einen bunten BH. Krüll hat genau hingesehen, als Hanne letztens im Vorgarten stand und einen Schluck Wasser an die Rosen gab. Der BH war geblümt gewesen, pink und blau.
Heute muss Hanne nicht gießen, es hat geregnet. Krüll zieht an der Pfeife. Läuft langsam weiter. Beschkens mit ihrem saublöden Steingarten. Nichts als graue und weiße Kiesel. In der Mitte eine verhärmte Araukarie in einem winzigen Rondell aus Erde. Pflegeleicht. Beschkens haben nichts gehört von der Notwendigkeit natürlicher Gärten. Für die Insekten. Für die Vögel. Für die Umwelt. Denkt Krüll und schmaucht verärgert. Der alte Beschken ging in die Klasse über ihm. Ein Jahr älter und drei Mal weniger gescheit als Krüll. Aber fesch. Schmalzlocke und Knickebocker.
Krüll spuckt in Beschkens Einfahrt. Ein süßer Klumpen Vanillespeichel markiert Krülls Revier. Dieser selige Hannesommer. Beschkens Avancen Richtung Herbst. Hannes geschmeichelter Schwenk. Hänschen im Blaubeerwald. Hahaha.
Krüll lacht und muss husten. Leise. Unterdrückt. Will nicht gesehen werden von Beschken und Brieselang. Später Hannes Sohn. Wer weiß. Krüll hat nie nachgefragt. Aber gerechnet. Am Ende blieb sie allein mit ihrem Kind, bei den Eltern im Haus. Genau wie Krüll. Krüll ohne Kind. Krüll ohne Hanne.
Krüll wundert sich, warum ihm das gerade heute alles einfällt. Er dreht diese Runde seit Jahren. Die Vanillepfeife in der Hand. Krüll geht schneller, lässt die anderen Häuser Häuser sein. Für heute wenigstens.
Als er von links in seine Hauseinfahrt einschwenkt, stutzt er. Bleibt stehen und starrt. Auf Hannes Sohn vor seinem Haus. Natürlich längst erwachsen, doch er kennt ihn vom Sehen. An seiner linken Hand eine Frau, an der rechten einen kleinen, schmalen Jungen. Neben Hanne. Die ein Kleid trägt. Keine Kittelschürze über pink und blau.
Die fast leere Pfeife in Krülls rechter Hand zittert ein wenig. Gibt ein letztes Wölkchen ab. Vanille.
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