Neues aus Finkendörfel

"Schrecklich schön" Halloween in Finkendörfel

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Beitrag für Oberlausitz-Art

Oktober 2020
Neues aus Finkendörfel – „Schrecklich schön“ Teil 1

Mit einem Knarzen öffnete sich die Tür des Umgebindehauses. Undurchdringliches Dunkel erwartete das kleine Schreckgespenst. Es wohnte erst seit wenigen Wochen in Finkendörfel und kannte nur wenige der Bewohner hier. Allen Mut nahm es zusammen. „Süßes, sonst gibt‘s Saures!“, forderte es krächzend vor Aufregung.

Erst als es seinen Beutel in die Finsternis des Hausflures streckte, bemerkte es, dass da jemand noch viel Kleineres

als es selbst stand. „Bist du ein Totengeist?“, fragte das Mädchen im Flur freundlich.

Das Schreckgespenst zuckte zurück, besann sich aber rasch. Von so einem Kindergartenkrümel würde es sich nicht den Schneid abkaufen lassen. „Das bin ich!“, rasselte es furchtgebietend. „Rück den Süßkram raus, sonst nehme ich dich mit ins Totenreich, wo die Scheusale hausen.“ Das Mädchen klatschte begeistert.

„Sofie?“ ließ sich eine ältliche Stimme aus dem Inneren des Hauses vernehmen. „Geh von der Tür weg! Du sollst doch nicht alleine ... -Warte. Ich komme.“

„Nein“, rief Sofie und schlug sich die Hände vor den Mund, als wäre sie davon mehr erschrocken als vor dem hausierenden Gespenst. „Du sollst doch nicht laufen, Trude.“ Sie lief ins Haus zurück.

Dem Schreckgespenst vor der offenen Haustür sank der schlaffe Beutebeutel, so wie seine Zuversicht, hier wenigstens ein paar Süßigkeiten zu erobern.

Doch da war noch jemand im Haus. Zwei altersschwache Beine und ein Stock klackerten die Stiege vom Dachgeschoss herunter.

„Hallo?“ Seine Gespensterstimme klang verzagt. „Süßes oder Saures?“

Das Klackergeräusch wuchs zu einer gebeugten hexenhaften Erscheinung heran, die sich so ungnädig vor dem Schreckgespenst aufbaute, dass es vorsichtshalber einen Schritt die Stufen hinunter wich, bevor es seine Forderung halbherzig wiederholte.

„Saures werde ich dir gleich geben!“ schimpfte die Hexe. „So ein heidnischer Kram kommt uns hier nicht ins Haus. Mach, dass du weg kommst.“ Sie drohte mit ihrem Stock.

„Ach, Ella“, ließ sich Trude von der Wohnstube her vernehmen, wo sie ihren verstauchten Knöchel kühlte. „Lass doch den Kindern ihren Spaß.“

„Es ist Reformationsfest, Trude! Nicht dieser amerikanische Firlefanz.“ Bevor EllaMa weiter ihrer christlichen Empörung Luft machen konnte, war Sofie schon an ihr vorbeigeflitzt, drückte dem überraschten Gespenst zwei Reformationsbrötchen und einen Apfel in die Hand und schob es energisch die Stufen hinunter.

Die Tür wurde verschlossen.

Das Gespenst lauschte noch etwas den erregten Stimmen im Inneren des Hauses. Offenbar war diese versteckte Trude nun doch herbeigehumpelt und verhandelte mit der Hexe, ob die zum Gemeindeabend ins Erbgericht gehen würde oder nicht. Unterstützt von der kleinen Sofie gelang es, die Hexe Ella davon zu überzeugen, doch aufzubrechen. Die beiden anderen versprachen, das Haus zu bewachen und gegen alle Geister und Beutejäger zu verteidigen.

Das kleine Schreckgespenst hatte gerade noch Zeit, sich hinter dem Rhododendron zu verstecken, als die Tür sich wieder öffnete. Die Ella-Hexe stöckelte zum Gartentor. Neben dem Mädchen war eine andere alte Frau mit großen, schiefen Vorderzähnen an der Tür erschienen und sah der Hexe hinterher. „Viel Spaß, Ella! Grüße die anderen.“

„Viel Spaß, Ella-Oma.“

„Jaja! Passt ihr nur auf, dass Trude auch ihren Fuß immer schön hochlegt.“

„Machen wir“, beteuerten die zwei in der Tür voller Inbrunst.

Sie standen da noch immer, als die Ella-Hexe schon lange verschwunden war. Dann sagte die alte Trude zu dem Mädchen. „Ich habe hier übrigens schon einmal ein echtes Gespenst gesehen zu dieser Jahreszeit.“

Dem Schreckgespenst in seinem Versteck lief ein Schauer über den Rücken. Es drückte die Rosinenbrötchen an sein klopfendes Herz. „Wenn du dich traust, kleine Sofie“, fuhr Trude lauernd fort, „dann erzähle ich dir davon.“

„Klar traue ich mich!“

„Aber es ist schon recht gruselig.“

„Oh, prima, prima, prima. Eine Gespenstergeschichte!“ Sofie klatschte. Dann wandte sie sich dem Rhododendron zu. „Und du kannst auch mit reinkommen, wenn du dich willst.“ Überrumpelt kroch das Gespenst hinter dem Strauch hervor. „Wirklich?“

„Wirklich!“ Trude entblößte ihre schiefen Vorderzähne. „Na, dann ... hereinspaziert.“ Sie humpelte ins Haus. Noch zögerte das kleine Schreckgespenst. Doch Sofie sprang herbei und zog es die Stufen hinaus. „Komm schon! Trude kennt die tollsten Geschichten!“

Im Wohnzimmer zog es das kleine Schreckgespenst vor, sich zu enttarnen. Verlegen zog es den gar schrecklich bemalten Bettbezug über den Kopf. „Ich bin Rafael“, sagte der krauslockige Junge, der darunter zum Vorschein kam. „Rafael! Natürlich bist du das.“

Trude strahlte ihn an. Wie immer war sie bestens informiert. „Vom neuen Tierarzt der Sohn, stimmts?“

„Die Geschichte, Trude“, drängelte Sofie und zog Rafael neben sich auf die Couch, wo sie sich bald friedlich eines der Reformationsbrötchen teilten.

„Also, ihr Lieben“, begann Trude, „als ich nur wenig älter war als ihr beide, da …“

Wie die Gespenstergeschichte weitergeht, die Trude den Kindern an diesem letzten Tag im Monat Oktober da erzählt, berichte ich das nächste Mal.

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Ich freue mich auf ein Wiederlesen. Bis bald und bleiben Sie gesund und lesehungrig.

Mit herzlichen Grüßen

Sylke Hörhold