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Die Archivierung einer Tradition

von | 27. November 2025

Wer die Oberlausitz kennt, kennt auch die Umgebindehäuser. Gebäude mit viel Geschichte, Tradition und Menschen mit dem Herz am rechten Fleck.

 

 

 

 

In vielen Gegenden sind die Häuser aus Holz, mit integriertem Stall, kleinen Fenstern und den typischen Umgebindebögen immer noch prägend für das Dorfbild.

Der Faszination dieser Einmaligkeit kann sich wohl kaum jemand entziehen. So ging es auch Horst Pinkau, der die zeichnerische Archivierung dieser regionalen architektonischen Seltenheiten weiter vorangetrieben hat.

Schon vor 100 Jahren ist das Umgebindehaus, als „Lausitzer Haus“ bezeichnet, ein lohnendes Zeichnungsobjekt  gewesen und war schon damals Gegenstand eines Buches vom Dresdner Zeichenlehrerverein.

Wie Horst Pinkau dazu kam, was ihn daran fasziniert und wie er  immer wieder neue, alte Umgebindehäuser entdeckt und für die Ewigkeit festhält; oberlausitz-art hat für Euch nachgefragt.

Herr Pinkau, Sie haben sich  der zeichnerischen Archivierung unserer Oberlausitzer Umgebindehäuser verschrieben. Was hat Sie dazu bewegt? Was treibt Sie an?

Das Umgebindehaus muss als ein Produkt der Besiedelungsgeschichte, beginnend im frühen Mittelalter, angesehen werden. Das geschah durch zugewanderte Kolonisatoren, deren handwerkliche Kenntnisse des Fachwerkbaus genutzt wurden. Zur Anpassung an gestiegene Bedürfnisse wurden sie mit der vorherrschenden mitteleuropäischen Blockbauweise kombiniert.

Im Dreiländereck Deutschland, Tschechien und Polen sind noch fast 20 000 dieser Häuser vorhanden. Davon etwa 6000 oft ortsbildprägend in der Südlichen Oberlausitz. Sie stellen in ihrer weltweiten Einmaligkeit ein besonderes, schützenswertes Kulturgut dar. Ein Kulturgut, das für unsere Heimat charakteristisch ist und deshalb erhalten werden muss. Das geschieht über die Darstellung, Dokumentation mit Veröffentlichungen und Archivierung ihrer Vielfältigkeit und besonderen Schönheit, bis ins Detail.

Für einen Oberlausitzer Zeichner und Maler gehören die Umgebindehäuser wie auch die in der nördlichen Oberlausitz vorhandenen Schrotholzhäuser zur heimatlichen Identität.

Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor? Wie und nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Objekte aus?

Jedes Umgebindehaus ist ein Unikat, kein „Modell von der Stange“.

Je nach den Nutzungsanforderungen und dem Geschick der Bauleute ist die Vielgestaltigkeit nahezu unerschöpflich. Dabei gibt es natürlich auch, entsprechend den im Umland vorhandenen Materialen, regionale Unterschiede.

Ich habe immer versucht, die besonderen Schönheiten oder handwerkliche Genialität zu erfassen, und habe damit sehr unterschiedliche Häuser gezeichnet. Oft hat mir dabei die allgemeine Anerkennung, beispielsweise durch Auszeichnungen, bei der Auswahl geholfen. Hinweise zu besonderen Häuern gab und gibt es mehr als ich zeichnerisch umsetzen konnte und kann.

Über die Jahre sind es vielleicht etwa 2000 Häuser bzw. Details davon geworden. Und das nicht nur in Deutschland, sondern auch im angrenzenden Polen und Tschechien. Einige Häuser habe ich auch „mit der Zeichenfeder saniert“.

Sie benutzen zur Darstellung ausschließlich Tusche. Hat sich das zufällig ergeben oder steckt mehr dahinter?

Das Arbeiten mit Feder und Tusche war mir aus meinem Berufsleben geläufig und bietet die Voraussetzung für eine exakte, detaillierte und dauerhafte Darstellung. Das können Bleistift-zeichnungen in diesem Maße nicht bieten (bestenfalls als Skizze und Vorzeichnung). Außerdem ermöglicht Tusche die lavierende Abstufung von Tonwerten mit dem Pinsel.

Die Farbgebung sepia/terra di sienna ist aus dem damaligen Angebot von Kalligraphietuschen entstanden und wurde schon nach kurzer Zeit und anerkennendem Zuspruch für einige Illustrationen im Lusatia Verlag Bautzen zu meinem „Markenzeichen“.

Herr Pinkau, Sie waren lange Zeit mit Architekturingenieur Karl Bernet befreundet. Welchen Einfluss hatten Bernet und andere Umgebindehaus-Spezialisten  auf Ihre Arbeit; die Archivierung der oberlausitzer Umgebindehäuser?

Dreidimensionale Architekturzeichnungen erfordern die Beherrschung der Gesetzmäßigkeiten der Perspektive. Das habe ich gewissermaßen „so nebenbei“ während meines Maschinenbaustudiums an der TU Dresden durch meine mehrjährige Wohngemeinschaft mit Studenten des Bauwesens gelernt.

Zum Malen und Zeichnen fehlte mir während meines Berufslebens als Mähdrescherkonstrukteur aber die Zeit. Nur sporadisch konnte ich an entsprechenden Zirkeln teilnehmen. Mein Interesse galt in dieser Zeit mehr der Industrieformgestaltung. Erst als klar wurde, dass wir beruflich nicht mehr gebraucht werden, habe ich meine nun freie Zeit wieder für das Malen und Zeichnen verwendet.

Beim Skizzieren eines Abrisshauses habe ich dann den Denkmalschützer Arnd Matthes kennengelernt, der mir das „Virus Umgebindehaus“ eingeimpft hat. Er hat mir auch die Bekanntschaft mit den führenden Bau- und Sanierungsfachleuten in der Oberlausitz vermittelt. Karl Bernert wurde bis zu seinem Tod 2009 dann mein wichtigster Lehrer, neben dem praktischen Handwerker Andreas Leuner. Über Professor Christian Schurig (gest.2022) hatte ich auch Zugang zur Hochschule Zittau/ Görlitz. Über Peter Palm (gest.2017) und meine Mitgliedschaft im Sächsischen Verein für Volksbauweise, unter Leitung von Jürgen Cieslak (gest. 2025), gelang die grenzüberschreitende Beschäftigung mit den verschiedensten Varianten der Schrotholz- und Umgebindehäuser.

Herr Pinkau, wo können Ihre Arbeiten betrachtet werden? Welche Ausstellungen sind geplant? Was kann man als Printware, wo erwerben?

Meine Umgebindehauszeichnungen wurden in über 40 Ausstellungen in der Oberlausitz sowie in Polen und in Tschechien gezeigt. Einmal auch in der Sächsischen Vertretung in Berlin. Dazu habe ich, zumeist mit einem ortskundigen Fachmann, jeweils eine Broschüre erarbeitet und zum Kauf angeboten. 2020 habe ich aus diesem Material das Buch „Umgebindehäuser mit der Zeichenfeder porträtiert“, im Eigenverlag drucken lassen. Darin sind etwa 1000 ausgewählten  Einzelzeichnungen zu sehen. Aktuell ist das Buch vergriffen.

Für den alljährlichen „Tag der Oberlausitz“ sowie verschiedene andere Anlässe sind in letzter Zeit außerdem Broschüren in kleinen Stückzahlen mit jeweils etwa 100 Zeichnungen entstanden. Aktuell  wird das Heft „Schrotholzhäuer und Umgebindehäuser“ als Sonderedition in der Erlichthofsiedlung Rietschen zum Kauf angeboten. Einige Teile aus diesen Heften werden auch für Dauerausstellungen als Informationstafeln genutzt (beispielsweise Begegnungszentrum Windmühle Seifhennersdorf).

Entsprechend der sächsischen Gesetzgebung sind alle meine im Eigenverlag gedruckten Hefte und Broschüren archiviert worden. In der Pflichtexemplarstelle der Sächsischen Landesbibliothek Dresden stehen sie zur allgemeinen Nutzung zur Verfügung.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Nicht nur Umgebindehäuser und andere typische Oberlausitzer Bauwerke sind Zeichnungsobjekte von mir, sondern auch die zahlreichen Schlösser des ehemaligen Oberlausitzer Landadels.

Im Rahmen der Ehrung für den Erbauer des Königshainer Schlosses, von Schachmann (1725 – 1789), werde ich mich 2026 an einer Ausstellung im Dom Kultury Zgorzelec beteiligen. Außerdem besteht der vielseitige Wunsch, eine zweite erweiterte Auflage meines Buches „Umgebindehäuser mit der Zeichenfeder porträtiert“ für 2026 vorzubereiten.

 

Oberlausitz-art wünscht Ihnen noch viele unentdeckte Umgebindehäuser und bedankt sich für das interessante Gespräch.

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